Von der Inspiration zum eigenen Look – systematisch, verständlich und mit den richtigen Werkzeugen

Ich weiß noch genau, wie frustrierend das am Anfang war. Ich sah ein Foto – auf Instagram, in einem Magazin, in einer Galerie – und dachte: „Genau SO sollen meine Bilder aussehen!“ Ich öffnete Lightroom, schob wild an allen Reglern herum und landete… irgendwo zwischen Zufall und Farbunfall.

Das Problem war nicht, dass ich zu wenig Ahnung von Lightroom hatte. Das Problem war, dass ich keine Methode hatte. Ich habe geraten statt analysiert. Ich habe probiert statt verstanden.

Heute, nach Jahren und hunderten nachgebauten Looks, habe ich einen Workflow, der funktioniert. Nicht immer perfekt – manche Looks sind einfach nicht 1:1 reproduzierbar – aber deutlich besser als blindes Herumprobieren.

Und genau diesen Workflow erkläre ich dir jetzt. Aktualisiert für 2026, mit den neuesten Werkzeugen, die Adobe mittlerweile bietet – und die viele immer noch nicht nutzen.


Bevor du anfängst: Was du wirklich brauchst

1. Das Referenzbild

Idealerweise:

  • Hohe Auflösung (je größer, desto besser kannst du Details erkennen)
  • Ähnliche Lichtsituation wie dein eigenes Foto
  • Ähnliche Motivstruktur (Portrait zu Portrait, Landschaft zu Landschaft)
  • Vollbildansicht, nicht nur ein Screenshot

Wichtig: Je ähnlicher dein Ausgangsfoto dem Referenzbild ist, desto realistischer wird der Nachbau. Einen Sonnenuntergangs-Look auf ein Mittagsfoto zu übertragen, wird nie richtig funktionieren.

2. Dein eigenes Foto

Am flexibelsten arbeitest du mit RAW-Dateien, weil Lightroom und Adobe Camera Raw hier den größten Spielraum bieten. JPEG und TIFF funktionieren auch – Adobe Camera Raw unterstützt alle drei Formate – aber du hast deutlich weniger Reserven bei den Tonwerten.

3. Zwei Ansichten gleichzeitig

Zwei Monitore sind ideal. Alternativ: Referenzbild auf dem Tablet, Lightroom am Rechner. Hauptsache, du kannst beide Bilder gleichzeitig sehen und vergleichen.

4. (Optional, aber hilfreich) Ein kalibrierter Monitor

Wenn du ernsthaft an Looks arbeitest, solltest du wissen, wie die Farben wirklich aussehen. Adobe empfiehlt für kritische Bildbearbeitung einen kalibrierten und profilierten Monitor. Das muss kein 2000-Euro-Gerät sein, aber zumindest grundkalibriert sollte er sein.


Phase 1: Das Referenzbild lesen – bevor du irgendetwas schiebst

Das ist der wichtigste Schritt – und der, den die meisten überspringen.

Bevor du auch nur einen Regler in Lightroom anfasst, musst du verstehen, was den Look ausmacht. Und das machst du systematisch:

Die fünf großen Fragen

1. Ist das Bild insgesamt hell oder dunkel?

  • Helle Bilder = höhere Grundbelichtung, oft „airy“, pastellig
  • Dunkle Bilder = niedrigere Belichtung, oft „moody“, dramatisch

2. Wie ist der Kontrast?

  • Hoher Kontrast = starke Unterschiede zwischen Hell und Dunkel, knackig
  • Niedriger Kontrast = weicher, „milchig“, filmisch, „faded“

3. Ist das Bild warm oder kalt?

  • Warm = Orange/Gelb-Töne dominieren
  • Kalt = Blau/Cyan-Töne dominieren

4. Sind die Farben kräftig oder gedämpft?

  • Kräftig = hohe Sättigung, leuchtende Farben
  • Gedämpft = niedrige Sättigung, pastellig oder entsättigt

5. Kommt der Look global oder lokal zustande?
Das ist neu und wichtig: Viele moderne Looks entstehen nicht nur durch globale Regler, sondern durch gezielte Anpassungen einzelner Bildbereiche. Ist vielleicht nur der Hintergrund dunkler? Nur das Gesicht wärmer? Nur der Himmel kühler?

Lightroom Classic und Camera Raw haben mittlerweile richtig gute Masking-Tools dafür – darauf kommen wir später.

Schatten und Lichter genau prüfen

Zoome nah ran in die dunkelsten und hellsten Bereiche:

Schatten:

  • Sind sie tiefschwarz oder leicht angehoben (grau)?
  • Haben sie einen Farbstich? (Häufig: Blau-Stich = filmischer Look)

Lichter:

  • Sind sie hartweiß oder eher sanft und cremig?
  • Haben sie einen Farbstich? (Häufig: warmes Orange/Gelb)

Tipp: Diese subtilen Farbnuancen in Schatten und Lichtern machen oft den gesamten Look aus.

Dominante Farben analysieren

Konzentriere dich auf 2-3 Hauptfarben im Bild:

Hauttöne (wenn Personen im Bild):

  • Eher warm-orange, neutral oder rosa?
  • Sehr satt oder eher blass?

Grüntöne:

  • Eher gelblich-grün, natürlich oder cyan-grün?
  • Leuchtend oder gedämpft?

Blautöne:

  • Eher türkis, neutral-blau oder violett-blau?
  • Tief gesättigt oder pastellig?

Profi-Tipp: Wenn du in Photoshop arbeitest, kannst du mit dem Farbaufnahme-Werkzeug (Eyedropper) oder über Camera Raw konkrete Farbwerte ablesen. Das hilft enorm beim präzisen Nachbau.


Phase 2: Der saubere Grundlook in Lightroom oder Camera Raw

Für den Basislook arbeitest du entweder in Lightroom ClassicLightroom oder direkt in Adobe Camera Raw in Photoshop. Camera Raw ist heute die zentrale Schaltstelle für Ton, Farbe und viele Lightroom-nahe Werkzeuge.

Wichtig: Ich arbeite für reproduzierbare Ergebnisse in einer festen Reihenfolge. Das ist mein persönlicher Workflow – nicht dogmatisch, aber bewährt. Du kannst auch anders vorgehen, aber eine Systematik hilft enorm.

Schritt 1: Profil wählen (oft übersehen, aber wichtig)

Bevor du überhaupt an Reglern drehst: Schau dir die Profile an (oben im Basic/Basis-Panel, oft eingeklappt).

Adobe beschreibt Profile als Grundlage für Farben und Tonalität. Ein anderes Profil kann den gesamten Charakter des Bildes verschieben, ohne dass du einen einzigen Regler anfasst.

Was ich mache:

  1. Schaue mir 3-4 Profile an (Adobe Standard, Adobe Color, Adobe Portrait, etc.)
  2. Wähle das, was dem Referenzbild am nächsten kommt
  3. Erst dann fange ich mit Reglern an

Das spart oft 20 Minuten Fummelarbeit.

Schritt 2: Belichtung und Grundtonwerte

Ziel: Dein Bild soll insgesamt etwa so hell/dunkel sein wie das Referenzbild.

Die Regler (von oben nach unten im Basic/Basis-Panel):

Exposure / Belichtung:
Grundhelligkeit des gesamten Bildes

Highlights / Lichter:
Nur die hellen Bereiche (oft nach unten, um ausgefressene Stellen zu retten)

Shadows / Tiefen:
Nur die dunklen Bereiche (oft nach oben, um Schatten aufzuhellen)

Whites / Weiß:
Der hellste Punkt im Bild (setzt den Weißpunkt)

Blacks / Schwarz:
Der dunkelste Punkt im Bild (setzt den Schwarzpunkt)

So gehe ich vor:

  1. Exposure einstellen, bis die Gesamthelligkeit ungefähr passt
  2. Highlights oft leicht runter (-10 bis -30)
  3. Shadows oft leicht hoch (+10 bis +40, je nach Look)
  4. Whites und Blacks vorsichtig anpassen, um den Kontrast zu steuern

Vergleiche nach jedem Regler mit dem Referenzbild.

Schritt 3: Weißabgleich

Regler:

  • Temperature / Temperatur: Links = kühler (blauer), rechts = wärmer (gelber)
  • Tint / Tönung: Links = grüner, rechts = magenta

Wichtig: Haut ist keine neutrale Referenzfläche für den Weißabgleich. Besser sind Wände, graue Flächen oder neutrale Reflexionen.

Aber: Für den Look-Nachbau ist es völlig okay, den Weißabgleich bewusst zu verschieben. Viele cinematic Looks haben einen leichten Warm-Shift (+5 bis +15) und manchmal einen minimalen Magenta-Shift.

Schritt 4: Gradationskurve / Tone Curve

Hier wird’s entscheidend. Die Kurve ist oft der Hebel für Charakter.

Was die Kurve macht:

  • Links = Schatten (dunkle Bereiche)
  • Mitte = Mitteltöne
  • Rechts = Lichter (helle Bereiche)

Typische Kurven-Looks:

„Faded/Filmisch/Matte“:

  • Schatten angehoben (Kurve links nach oben ziehen)
  • Lichter manchmal leicht abgesenkt (Kurve rechts leicht runter)
  • = Flachere S-Kurve, weniger Kontrast

„Contrasty/Knackig“:

  • Schatten abgesenkt (Kurve links runter)
  • Lichter angehoben (Kurve rechts hoch)
  • = Steilere S-Kurve, mehr Kontrast

Wie du das analysierst:

Schaue im Referenzbild:

  • Sind die Schatten wirklich schwarz oder eher grau/aufgehellt?
  • Sind die Lichter knallweiß oder eher sanft/gedämpft?

Danach stellst du die Kurve entsprechend ein.

In Photoshop ist Curves ebenfalls eines der zentralsten Werkzeuge für Farb- und Tonkontrolle – oft sogar noch präziser als in Lightroom.


Phase 3: Farb-Mixer statt blindem Sättigungs-Geschiebe

Früher hieß das „HSL-Panel“. Heute heißt es offiziell Color Mixer / Farb-Mixer (in Lightroom Classic und Camera Raw).

Hier bearbeitest du einzelne Farbbereiche über drei Parameter:

  • Hue / Farbton: WIE die Farbe aussieht (z.B. Rot eher orange oder magenta)
  • Saturation / Sättigung: WIE KRÄFTIG die Farbe ist
  • Luminance / Luminanz: WIE HELL die Farbe ist

Wichtig: Arbeite dich durch EINE Farbe komplett durch (erst Hue, dann Saturation, dann Luminance), bevor du zur nächsten gehst.

Hauttöne anpassen (wenn Personen im Bild)

Haut liegt hauptsächlich in Orange und teilweise Rot.

So gehst du vor:

  1. Orange > Hue:
    • Nach links (Richtung Rot) = rosa Haut
    • Nach rechts (Richtung Gelb) = orange Haut
    • Typisch für viele Looks: +5 bis +15
  2. Orange > Saturation:
    • Niedriger = blasse Haut
    • Höher = kräftige Haut
    • Typisch: -10 bis +10
  3. Orange > Luminance:
    • Oft leicht erhöht (+5 bis +15) für „glowy“ Look
    • Zu viel = Haut wirkt flach

Vergleiche nach jedem Regler mit dem Referenzbild.

Profi-Tipp: Es gibt in Lightroom Classic und Camera Raw ein Targeted Adjustment Tool (kleines Kreis-Symbol). Klicke damit auf eine Farbe in deinem Bild, halte die Maustaste und ziehe nach oben/unten. Lightroom passt automatisch die richtige Farbe an.

Zusätzlich gibt es in neueren Versionen von Lightroom Classic Point Colour für noch präzisere Farbkorrekturen.

Andere dominante Farben

Gehe genauso systematisch vor:

Grün (Vegetation):

  • Hue: Eher gelblich-grün oder cyan-grün?
  • Saturation: Kräftig oder gedämpft?
  • Luminance: Hell (pastell) oder dunkel?

Blau (Himmel, Wasser):

  • Hue: Eher türkis oder violett?
  • Saturation: Leuchtend oder pastellig?
  • Luminance: Hell oder tief?

Nur die Farben anpassen, die tatsächlich im Bild vorkommen. Nicht einfach blind alle durchgehen.


Phase 4: Farbbearbeitung / Color Grading (nicht mehr „Split Toning“)

Früher hieß das „Split Toning“ oder „Teiltonung“. Heute heißt es Color Grading / Farbbearbeitung – und es ist deutlich mächtiger geworden.

Du hast jetzt Farbräder für:

  • Schatten
  • Mitteltöne
  • Lichter

Plus zusätzliche Kontrolle über Blending (wie stark die Bereiche ineinander übergehen) und Balance (verschiebt die Gewichtung zwischen Schatten und Lichtern).

So analysierst du das Referenzbild:

Schatten:
Haben die dunklen Bereiche einen Farbstich?
Häufig: Blau oder Cyan (filmischer Look), manchmal Grün oder Violett

Lichter:
Haben die hellen Bereiche einen Farbstich?
Häufig: Warmes Orange/Gelb, manchmal Rosa

Mitteltöne:
Oft neutral, aber manchmal auch leicht getönt

So gehst du vor:

  1. Schatten-Farbrad: Klicke in das Rad und ziehe in Richtung der gewünschten Farbe
  2. Der äußere Ring steuert die Sättigung (wie stark der Effekt ist)
  3. Lichter-Farbrad: Gleiches Prinzip
  4. Mitteltöne-Farbrad: Nur wenn nötig

Wichtig: Fang mit sehr niedrigen Werten an. Sättigung zwischen 5 und 15 reicht oft völlig. Zu viel wirkt schnell künstlich.

Typischer filmischer Look:

  • Schatten: Blau/Cyan, Sättigung 10-20
  • Lichter: Orange/Gelb, Sättigung 10-20
  • Balance: Mitte oder leicht Richtung Lichter

Adobe beschreibt Color Grading als Teil des aktuellen Farbworkflows und als Weiterentwicklung der alten Split-Toning-Funktion.


Phase 5: Masking – hier trennt sich Hobby von Kontrolle

Das ist der größte blinde Fleck in den meisten „Look nachbauen“-Tutorials – und gleichzeitig einer der wichtigsten Schritte.

Viele moderne Looks entstehen nicht nur durch globale Anpassungen, sondern durch gezielte lokale Korrekturen:

  • Hintergrund etwas dunkler
  • Gesicht etwas wärmer
  • Himmel etwas kühler
  • Haut weicher
  • Kleidung entsättigt

Lightroom Classic und Camera Raw haben mittlerweile richtig gute Masking-Werkzeuge:

Die wichtigsten Masken-Typen:

1. Bereichsauswahl (Subject, Sky, Background)
Lightroom und Camera Raw können mittlerweile automatisch Personen, Himmel oder Hintergrund erkennen und maskieren. Das ist KI-gestützt und funktioniert erstaunlich gut.

So nutzt du das:

  1. Klicke auf „Maske erstellen“
  2. Wähle z.B. „Motiv“ oder „Himmel“
  3. Lightroom erstellt automatisch eine Maske
  4. Jetzt kannst du NUR diesen Bereich anpassen (Belichtung, Farbe, etc.)

2. Farbbereich und Luminanzbereich
Du kannst Masken auch nach Farbe oder Helligkeit erstellen:

  • „Alle roten Bereiche“
  • „Alle hellen Bereiche“
  • „Alle Schatten“

3. Pinsel und Verlauf
Klassisch, aber immer noch nützlich: Manuell malen oder Verläufe setzen.

Praktisches Beispiel:

Im Referenzbild ist:

  • Der Hintergrund deutlich dunkler als das Gesicht
  • Das Gesicht hat wärmere Töne
  • Der Himmel ist kühler

So baust du das nach:

  1. Maske „Hintergrund“ erstellen
    • Belichtung -0,5 bis -1,0
    • Eventuell leicht entsättigen
  2. Maske „Motiv“ (Person) erstellen
    • Temperature +5 bis +10 (wärmer)
    • Eventuell Klarheit leicht reduzieren für weichere Haut
  3. Maske „Himmel“ erstellen
    • Temperature -5 bis -10 (kühler)
    • Eventuell Kontrast erhöhen

Das macht den Unterschied zwischen „sieht okay aus“ und „sieht aus wie das Referenzbild“.

Neuere Camera-Raw-Versionen haben die Masking-Funktionen weiter ausgebaut, etwa mit speziellen Landschafts- und Tiefenmasken.


Phase 6: Kalibrierung – sparsam, aber manchmal entscheidend

Das Kalibrierungs-Panel (ganz unten im Entwickeln-Modul) kann die Grundinterpretation der Farben verschieben.

Aber: Es ist kein Allheilmittel. In den meisten Fällen kommst du mit den bisherigen Schritten schon sehr weit.

Wann Kalibrierung sinnvoll ist:

  • Hauttöne im Referenzbild sind extrem warm/orange → Primärfarbe Rot > Farbton nach rechts (+5 bis +15)
  • Schatten haben einen deutlichen Blau-Stich → Primärfarbe Blau > Farbton nach links (Richtung Cyan, -5 bis -15)
  • Grüntöne sind sehr gelblich → Primärfarbe Grün > Farbton nach links

Wichtig: Kleine Bewegungen! ±5 bis ±10 reichen meist völlig.

Bessere Reihenfolge heute:

  1. Profil wählen
  2. Color Mixer nutzen
  3. Color Grading anwenden
  4. Masking einsetzen
  5. Erst dann Kalibrierung, wenn nötig

Adobe beschreibt Profile ausdrücklich als Fundament für Farben und Tonalität – deshalb sollten die vor der Kalibrierung kommen.


Phase 7: Finishing – Details und Atmosphäre

Fast geschafft. Jetzt die letzten Feinheiten:

Clarity, Texture, Dehaze

Hier sollten wir moderner formulieren:

Clarity / Klarheit:
Verändert vor allem den lokalen Kontrast in mittleren Tonbereichen

  • Höher (+10 bis +40) = detailreicher, „knackiger“
  • Niedriger (-10 bis -30) = weicher, „dreamy“

Texture / Struktur:
Arbeitet feiner auf Oberflächendetails

  • Gut für Haut (runter) oder Texturen wie Holz/Stoff (hoch)

Dehaze / Dunst entfernen:
Beeinflusst Kontrast und Farbtiefe, besonders in atmosphärischen Bereichen

  • Nach rechts = klarer, kontrastreicher
  • Nach links = dunstiger, weicher

Im Referenzbild:

  • Sehr detailreich? → Klarheit hoch
  • Weich und verträumt? → Klarheit runter, eventuell Texture auch

Vignette

Wenn das Referenzbild dunklere Ecken hat:

  1. Gehe zu Effekte / Effects > Vignettierung nach Freistellen / Post-Crop Vignetting
  2. Betrag / Amount: Nach links (negativ) für dunkle Ecken (meist -10 bis -40)
  3. Mittelpunkt / Midpoint: Wie weit zur Mitte die Vignette reicht
  4. Weiche Kante / Feather: Wie weich der Übergang ist (meist 50-70)

In Lightroom Classic gibt es verschiedene Modi (Highlight Priority, Color Priority, Paint Overlay) – experimentiere, was besser aussieht.

Körnung / Grain

Wenn das Referenzbild Filmkorn hat:

  1. Gehe zu Effekte / Effects > Körnung / Grain
  2. Stärke / Amount: Wie stark (meist 15-40)
  3. Größe / Size: Wie grob (meist 25-35)
  4. Rauheit / Roughness: Gleichmäßigkeit (meist 40-60)

Tipp: Zoome auf 100% im Referenzbild, um die Körnung wirklich zu sehen und zu vergleichen.


Phase 8: Photoshop – nur dann, wenn es wirklich mehr sein soll

Lightroom und Camera Raw reichen für die allermeisten Looks völlig aus. Aber manchmal brauchst du noch präzisere Kontrolle oder spezielle Techniken.

Wann ich zu Photoshop wechsle:

  • Für sehr präzise, lokale Anpassungen (z.B. nur ein Auge aufhellen)
  • Für Frequenztrennung (Hautretusche)
  • Für komplexe Masken und Compositing
  • Für Gradient Maps oder spezielle Farbeffekte

Der richtige Workflow:

1. RAW-Datei als Smart Object öffnen

In Photoshop: Datei > Als Smart-Objekt öffnen

Vorteil: Du kannst Camera Raw später erneut aufrufen (Doppelklick auf die Ebene) und alle Einstellungen ändern. Das ist non-destruktiv.

Adobe beschreibt diesen Workflow ausdrücklich als Best Practice.

2. In Photoshop nutzen:

  • Curves / Gradationskurven: Noch präziser als in Lightroom
  • Selective Color: Extrem mächtiges Farb-Tool
  • Hue/Saturation: Für gezielte Farbanpassungen mit Masken
  • Gradient Maps: Für kreative Color-Grading-Effekte
  • Ebenenmasken: Für chirurgisch präzise lokale Anpassungen

Photoshop stellt umfangreiche farb- und tonbasierte Korrekturwerkzeuge bereit, die über Lightroom hinausgehen.

Der Gedanke: Lightroom/Camera Raw für den Grundlook, Photoshop für chirurgische Feinarbeit.


Phase 9: Vergleichen – aber richtig

Jetzt kommt der wichtigste Schritt: Ehrlich vergleichen.

In Lightroom Classic:

Nutze die Vergleichsansicht (Taste C oder Y):

  • Vorher/Nachher nebeneinander
  • Oder: Dein Bild vs. Referenzbild (als zweite Datei importiert)

Außerhalb von Lightroom:

  1. Exportiere dein bearbeitetes Bild als JPEG
  2. Öffne beide Bilder nebeneinander (dein Bild + Referenzbild)
  3. Wechsle schnell zwischen beiden hin und her (Alt+Tab)

Worauf achten:

  • Ist die Helligkeit wirklich ähnlich?
  • Stimmt die Farbtemperatur (warm/kalt)?
  • Sind die Farben ähnlich gesättigt?
  • Haben Schatten und Lichter die gleichen Farbstiche?
  • Wirkt der Kontrast ähnlich?

Wenn etwas nicht passt:

Gehe zurück zu der Phase, wo der Unterschied liegt:

  • Helligkeit falsch → Belichtung/Kurven
  • Farben falsch → Color Mixer/Color Grading
  • Kontrast falsch → Kurven/Klarheit
  • Nur bestimmte Bereiche falsch → Masking

Wichtig: Kalibrierter Monitor

Für kritische Arbeit – besonders wenn du Looks für Kunden nachbaust oder verkaufst – empfiehlt Adobe einen kalibrierten und profilierten Monitor. Sonst siehst du möglicherweise Farben, die auf anderen Bildschirmen völlig anders aussehen.


Häufige Stolpersteine (und wie du sie umgehst)

Problem 1: „Ich komme einfach nicht hin“

Wahrscheinliche Ursache: Dein Ausgangsbild ist zu unterschiedlich vom Referenzbild.

Beispiel: Du versuchst, einen Sonnenuntergangs-Look auf ein Mittagsfoto anzuwenden. Oder einen Outdoor-Look auf ein Studio-Portrait.

Lösung: Wähle ein Referenzbild mit ähnlicher Lichtsituation und Motivstruktur.

Problem 2: „Die Farben sehen künstlich aus“

Ursache: Zu hohe Sättigung, besonders im Color Mixer.

Lösung:

  • Gehe zurück zum Color Mixer
  • Senke die Sättigung aller Farben pauschal um 10-20
  • Taste dich langsam wieder hoch

Problem 3: „Das Bild sieht matschig/flach aus“

Ursache: Zu viel Schatten-Aufhellung in der Kurve + zu wenig Kontrast.

Lösung:

  • Erhöhe den Kontrast (Regler oder steilere S-Kurve)
  • Erhöhe Klarheit leicht (+5 bis +15)
  • Oder: Nutze lokale Masken, um nur bestimmte Bereiche aufzuhellen

Problem 4: „Hauttöne sehen orange/grün aus“

Ursache: Orange-Hue im Color Mixer oder Kalibrierung zu extrem.

Lösung:

  • Setze Orange > Hue zurück auf 0
  • Taste dich langsamer ran (±2 statt ±10)
  • Prüfe auch die Kalibrierung

Problem 5: „Der Look funktioniert global, aber Details stimmen nicht“

Ursache: Du brauchst lokale Anpassungen.

Lösung: Nutze Masking. Oft ist der Look im Referenzbild nicht überall gleich – Hintergrund dunkler, Gesicht heller, Himmel kühler. Das geht nur mit Masken.


Fortgeschrittene Tipps für 2026

Tipp 1: Arbeite mit Snapshots

In Lightroom Classic: Snapshots (linke Seitenleiste).

Workflow:

  • Nach jeder großen Änderung: Snapshot erstellen
  • Benennung: „Nach Kurven“, „Nach Color Mixer“, „Nach Color Grading“, „Nach Masking“
  • So kannst du jederzeit zurückspringen und verschiedene Versionen vergleichen

Tipp 2: Nutze virtuelle Kopien

Rechtsklick auf dein Foto > Virtuelle Kopie erstellen

So kannst du mehrere Versionen parallel entwickeln und vergleichen, welche dem Referenzbild näher kommt. Kostet keinen Speicherplatz.

Tipp 3: Lens Blur als Teil des Presets

Seit Lightroom Classic Version 13.3 kann sogar Lens Blur Bestandteil eines Presets sein. Das ist für moderne Look-Workflows relevant, weil viele Looks auch eine bestimmte Tiefenschärfe-Ästhetik haben.

Tipp 4: Adaptive Presets als Startpunkt

Lightroom Classic hat mittlerweile Adaptive Profiles und Presets, die sich automatisch an dein Bild anpassen. Die können ein guter Startpunkt sein – aber ersetzen nicht die manuelle Feinarbeit.

Tipp 5: Erstelle reproduzierbare Presets

Wenn du den Look geschafft hast:

  1. Entwickeln > Neues Preset
  2. Wähle NUR die Einstellungen, die zum Look gehören:
    • Tonwertkurve: Ja
    • Color Mixer: Ja
    • Color Grading: Ja
    • Effekte (Vignette, Körnung): Ja
    • Belichtung: Nein (die ist bildabhängig)
    • Weißabgleich: Vielleicht (je nachdem)
  3. Gib ihm einen sinnvollen Namen: „Filmischer Look Blau-Orange“ statt „Preset 1“

Wichtig: Presets sind Startpunkte, keine Endlösungen. Du wirst sie fast immer noch anpassen müssen.


Zusammenfassung: Der komplette Workflow auf einen Blick

Phase 1: Analyse (5-10 Minuten)

  • Hell oder dunkel?
  • Kontrast hoch oder niedrig?
  • Warm oder kalt?
  • Farben kräftig oder gedämpft?
  • Global oder lokal (Masking nötig)?
  • Schatten/Lichter: Farbe? Aufgehellt/Gedämpft?
  • Einzelne Farben analysieren
  • Vignette? Körnung?

Phase 2: Grundeinstellungen (5-10 Minuten)

  • Profil wählen
  • Belichtung, Highlights, Shadows, Whites, Blacks
  • Weißabgleich
  • Tonwertkurve

Phase 3: Color Mixer (10-15 Minuten)

  • Hauttöne (Orange, eventuell Rot)
  • Andere dominante Farben
  • Immer: Hue, dann Saturation, dann Luminance

Phase 4: Color Grading (5 Minuten)

  • Schatten: Farbe + Sättigung
  • Lichter: Farbe + Sättigung
  • Mitteltöne: nur wenn nötig
  • Blending und Balance anpassen

Phase 5: Masking (10-20 Minuten)

  • Bereichsmasken (Motiv, Himmel, Hintergrund)
  • Lokale Anpassungen (Gesicht wärmer, Hintergrund dunkler, etc.)
  • Das macht oft den größten Unterschied

Phase 6: Kalibrierung (optional, 5 Minuten)

  • Nur wenn Color Mixer + Color Grading nicht ausreichen
  • Primärfarben vorsichtig anpassen

Phase 7: Details (5 Minuten)

  • Clarity, Texture, Dehaze
  • Vignette
  • Körnung

Phase 8: Photoshop (optional, 10-30 Minuten)

  • Nur für sehr präzise Anpassungen
  • Als Smart Object öffnen
  • Curves, Selective Color, Ebenenmasken

Phase 9: Vergleichen (10 Minuten)

  • Export
  • Vergleich
  • Feintuning

Gesamtzeit: 60-90 Minuten für einen kompletten Look-Nachbau

Mit Übung und guten Presets: 30-40 Minuten


Abschließende Gedanken

Look-Nachbauen ist keine Zauberei. Es ist systematisches Analysieren, geduldiges Anpassen und – das ist neu – geschicktes Nutzen der modernen Tools wie Masking und Color Grading.

Die meisten scheitern nicht, weil sie zu wenig Ahnung von Lightroom haben. Sie scheitern, weil sie:

  1. Nicht genau genug analysieren (einfach drauflos schieben)
  2. Zu viel auf einmal machen (fünf Regler gleichzeitig)
  3. Moderne Tools ignorieren (kein Masking, alte Teiltonung statt Color Grading)
  4. Nicht vergleichen (nur auf das eigene Bild starren)
  5. Zu ungeduldig sind (nach 15 Minuten aufgeben)

Wenn du diesem Workflow folgst – wirklich folgst, Schritt für Schritt, mit den aktuellen Tools – wirst du in den allermeisten Fällen sehr nah an den Look rankommen.

Und nach zehn, zwanzig nachgebauten Looks passiert etwas Magisches:

Du entwickelst ein Auge dafür.

Du siehst ein Bild und erkennst sofort: „Ah, angehobene Schatten-Kurve, entsättigtes Grün, warme Lichter per Color Grading, Blau-Shift in Schatten, dunkler Hintergrund per Masking.“

Und dann brauchst du keine Anleitung mehr.

Dann baust du nicht mehr nach.

Dann erschaffst du.

Aber bis dahin: Folge dem System. Nutze die modernen Tools. Sei geduldig.

Es funktioniert.


Software-Stand: Lightroom Classic 13.x, Lightroom (Cloud) 8.x, Adobe Camera Raw 16.x, Photoshop 2026
Alle Funktionsbeschreibungen basieren auf aktueller Adobe-Dokumentation


Quellenlinkliste

Faktencheck und Versionsanpassung für Lightroom, Adobe Camera Raw und Photoshop
Stand: 18.04.2026

Lightroom Classic – Farbe, Ton und lokale Korrekturen

  1. Work with image tone and color – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/image-tone-color.html
  2. Edit your images with Color Mixer tool – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/color-mixer.html
  3. Lightroom Classic Masking tool – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/masking.html
  4. How to retouch photos in Lightroom Classic – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/retouch-photos.html
  5. Export photos from Lightroom Classic – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/exporting-photos-basic-workflow.html
  6. Feature Summary – Lightroom Classic (April 2025 release) – https://helpx.adobe.com/lightroom-classic/help/whats-new/2025-3.html

Adobe Camera Raw – aktuelle RAW-/Farb-Workflows

Photoshop – Ton, Farbe und präzise Feinarbeit

  1. Using the Curves adjustment in Photoshop – https://helpx.adobe.com/photoshop/using/curves-adjustment.html
  2. Adjust color and tone with Levels and Curves eyedroppers – https://helpx.adobe.com/photoshop/using/adjust-color-tone-levels-curves.html

Hinweis: Diese Linkliste enthält die zentralen Adobe-Quellen, die für den Faktencheck und die Anpassung an aktuelle Lightroom-, Camera-Raw- und Photoshop-Versionen herangezogen wurden.


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