Was aus dem Unternehmen geworden ist, das einst die kreative Welt erfunden hat – und ob der KI-Kurs Geniestreich oder Identitätskrise ist.


Ein Blogbeitrag von BROWNZ.ART


Prolog: Ein seltsames Gefühl

Ich habe kürzlich die Release Notes der letzten vier großen Photoshop-Updates nebeneinandergelegt. Nicht weil ich es musste. Sondern weil ich ein Gefühl überprüfen wollte. Ein Gefühl, das sich seit ungefähr zwei Jahren aufbaut und das ich lange nicht greifen konnte. Ein leises Unbehagen, das irgendwo zwischen Begeisterung und Enttäuschung sitzt.

Und als ich die Release Notes nebeneinander sah, wurde das Gefühl greifbar.

Adobes öffentliche Erzählung der letzten zwei Jahre wird auffallend stark von KI- und Firefly-Funktionen dominiert. Generative Fill. Generative Expand. KI-gestützte Auswahlen. Neuronale Filter. KI-Entrauschen. Generative Referenz. Remove Tool mit KI. Firefly Image Model 3, 4, was auch immer als nächstes kommt. Jede Keynote handelt von KI. Jede Pressemitteilung handelt von KI. Jede Marketing-Kampagne handelt von KI.

Und plötzlich hatte ich eine Frage im Kopf, die sich nicht mehr abschütteln ließ:

Wo ist eigentlich der Rest geblieben?

Nicht in der Software selbst – denn wenn man genau hinschaut, gibt es durchaus klassische Verbesserungen. Photoshop hat OpenColorIO und 32-Bit-HDR-Workflows bekommen, Dynamic Text, AVIF- und JPEG-XL-Support, Variable Fonts im Font-Browser, Clarity und Dehaze als non-destruktive Adjustment Layers, sogar Grain als eigene Einstellungsebene. Lightroom Classic hat PSB-Support in der Photoshop-Übergabe und im Export bekommen, verbesserte Embedded Previews vor dem Import, Tethering-Erweiterungen und optimierte Sidecar Writes.

Das sind reale, substanzielle Verbesserungen. Keine davon hat „KI“ im Namen. Und keine davon hat es auf die große Bühne geschafft.

Denn dort – in den Keynotes, in den Pressemitteilungen, in den Marketing-Kampagnen, in den Schlagzeilen – dominiert ausschließlich die KI-Story. Und genau das ist der Punkt, der mich nachdenklich macht. Nicht dass Adobe KI baut. Sondern dass Adobe seine gesamte Innovations-Erzählung darauf verengt – und damit den Rest unsichtbar macht.

Die Frage ist also nicht: Macht Adobe nur noch KI? Das stimmt faktisch nicht. Die Frage ist: Warum erzählt Adobe so, als würde es nur noch KI machen? Und was macht das mit dem Unternehmen, mit den Produkten und mit uns als Nutzern?


Kapitel 1: Was Adobe früher anders gemacht hat – und warum das wichtig ist

Um zu verstehen, was sich verändert hat, muss man verstehen, wo Adobe herkommt. Nicht als Börsenunternehmen. Nicht als Abo-Modell. Sondern als kreatives Unternehmen, das Werkzeuge für kreative Menschen baut.

Photoshop war, als es in den frühen Neunzigern die Bühne betrat, nicht einfach eine Software. Es war eine neue Grammatik des Visuellen. Es hat nicht nur bestehende Prozesse digitalisiert – es hat NEUE Prozesse ermöglicht, die vorher nicht existierten. Ebenen. Masken. Kanäle. Pfade. Einstellungsebenen. Smart Objects. Jedes dieser Konzepte war, als es eingeführt wurde, eine echte Innovation. Nicht im Marketing-Sinne von „Wir haben einen Button umbenannt und nennen es Innovation“. Sondern im fundamentalen Sinne von: Das hat es vorher nicht gegeben, und es verändert die Art, wie Menschen über Bilder nachdenken.

Lightroom hat dasselbe für den fotografischen Workflow getan. Vor Lightroom war die RAW-Entwicklung ein fragmentierter Prozess. Lightroom hat Katalogisierung, Entwicklung und Ausgabe vereint und ein non-destruktives Arbeitskonzept etabliert, das bis heute den Standard definiert.

InDesign hat QuarkXPress abgelöst, nicht weil es billiger war, sondern weil es konzeptionell überlegen war. After Effects hat Motion Graphics demokratisiert. Illustrator hat Vektorgrafik für eine ganze Branche zugänglich gemacht.

Das waren keine KI-Features. Das waren Werkzeug-Innovationen. Durchdachte Lösungen für reale Probleme, die die kreative Arbeit auf einer strukturellen Ebene verbessert haben.

Und hier liegt der Kern meines Unbehagens: Mir fällt in den letzten zwei, drei Jahren kaum ein Adobe-Feature ein, das sich für mich so grundlegend anfühlt wie einst Ebenen, Smart Objects oder der non-destruktive Lightroom-Workflow. Es gibt Verbesserungen – teils gute, teils sehr gute. OpenColorIO für HDR ist ein echtes Upgrade für Profis, die in diesem Bereich arbeiten. Die neuen non-destruktiven Clarity- und Grain-Adjustment-Layers sind willkommen. PSB-Support in Lightroom Classic löst ein Problem, das lange genervt hat.

Aber nur wenige dieser Neuerungen fühlen sich wie ein neuer Denkraum an. Wie ein Konzept, das verändert, wie du über Bildbearbeitung nachdenkst. Und das ist – ich sage das als subjektive Bewertung eines Praktikers, nicht als objektives Urteil – ein Unterschied, den ich spüre.


Kapitel 2: Die KI-Features im Realitätscheck

Bevor mir jemand vorwirft, ich würde die KI-Features pauschal schlecht reden: Das tue ich nicht. Ich nutze sie. Jeden Tag. Und einige davon haben meinen Workflow tatsächlich fundamental verbessert.

Was genuinely großartig ist:

Das KI-Entrauschen in Lightroom ist ein Gamechanger. Die Ergebnisse bei High-ISO-Aufnahmen sind spektakulär und haben ein separates Plugin im Wert von 80 Euro überflüssig gemacht. Adobe dokumentiert kontinuierliche Qualitätsverbesserungen bei diesem Workflow. Das ist Innovation, die reale Probleme löst.

Die KI-gestützten Auswahlen – Motiv auswählen, Himmel auswählen, Objektauswahl mit Hover-Erkennung – haben die Freistellung von Motiven von einer Dreißig-Minuten-Aufgabe zu einer Dreißig-Sekunden-Aufgabe gemacht. Nicht perfekt. Nicht in jedem Fall. Aber in der Mehrheit der Fälle gut genug als Startpunkt. Ein realer, messbarer Produktivitätsgewinn.

Das Remove Tool erledigt 80 Prozent aller Objekt-Entfernungen brillant. Die restlichen 20 Prozent brauchen Handarbeit. Insgesamt eine deutliche Verbesserung gegenüber dem klassischen Kopierstempel.

Die KI-Maskierung in Lightroom hat meinen Workflow fundamental verändert. Ich mache Dinge direkt in Lightroom, für die ich früher zu Photoshop wechseln musste.

Was weniger überzeugend ist:

Generative Fill ist beeindruckend als Demo. Im täglichen Workflow ist es ein Startpunkt, kein Endprodukt. Ergebnisse oft inkonsistent, manchmal mit erkennbarem KI-Look, fast immer mit Bedarf an manueller Nacharbeit. Gutes Werkzeug. Keine Magie. Trotz Marketing, das Magie suggeriert.

Generative Expand funktioniert bei einfachen Szenen. Bei komplexen Kompositionen erzeugt es häufig Inkonsistenzen und Perspektivfehler. Gut für schnelle Social-Media-Erweiterungen. Nicht verlässlich genug für professionelle Druckproduktion.

Die neuronalen Filter – manche funktionieren, manche sind seit Jahren in der Beta und fühlen sich immer noch experimentell an.

Firefly als Bildgenerator – und hier muss ich sauber bleiben: Firefly wirkt für mich ästhetisch oft solider als spektakulär. Adobe bewirbt Firefly Image Model 4 als großen Qualitäts- und Realismus-Sprung, und die Ergebnisse sind tatsächlich besser geworden. Aber Adobes eigentliche Differenzierung liegt für mich weniger in einer unangefochtenen ästhetischen Marktführerschaft als vielmehr in der kommerziellen Absicherung, der nahtlosen Integration in die Creative Cloud und – das ist zunehmend relevant – in der Öffnung für Partner-Modelle.

Denn Adobe positioniert Firefly inzwischen nicht mehr nur als eigenes Modell, sondern als Plattform, die Modelle von Google, OpenAI, Runway und Kling integriert. Das ist eine strategisch kluge Entscheidung. Und möglicherweise die eigentliche Innovation: nicht das beste Modell zu haben, sondern die beste Plattform, die alle Modelle integriert.

Und hier zeigt sich ein Muster: Die wirklich starken KI-Features sind die, die bestehende Aufgaben beschleunigen – Entrauschen, Auswählen, Entfernen. Die weniger überzeugenden sind die, die neue Inhalte generieren – Füllen, Erweitern, Bilder erzeugen. Adobe ist besser im Optimieren als im Kreieren. Das ist keine Schande. Aber es ist eine Unterscheidung, die in der Marketing-Kommunikation verwischt wird.


Kapitel 3: Die strategische Frage – Innovation oder Imitation?

Ist Adobes KI-Kurs eigenständige Innovation – oder die Reaktion eines Konzerns, der einem Trend hinterherläuft?

Um diese Frage fair zu beantworten, muss man Adobes Situation verstehen. Und die ist genuinely schwierig.

Adobe steckt im klassischen Innovator’s Dilemma. Die Technologie, die das eigene Geschäftsmodell bedroht – generative KI, die Bilder, Designs und Layouts ohne Photoshop, Illustrator oder InDesign erstellen kann – muss gleichzeitig ins eigene Produkt integriert werden, um relevant zu bleiben.

Aus dieser Perspektive ist Adobes KI-Strategie nachvollziehbar. Wenn Midjourney, Runway, Canva und Dutzende von KI-Startups Features anbieten, die immer mehr kreative Aufgaben automatisieren, kann Adobe nicht danebenstehen. Der Zug fährt. Adobe muss aufspringen.

Und Adobe ist aufgesprungen. Aggressiv. Mit Firefly, mit der Integration generativer Features in jedes Produkt, mit der Öffnung für Drittanbieter-Modelle, mit dem klaren Bekenntnis: KI ist die Zukunft.

Aber – und das ist das große Aber – es gibt einen Unterschied zwischen „KI integrieren, weil es die Produkte besser macht“ und „KI als zentrale Markenidentität pushen, weil der Markt und die Aktionäre es hören wollen“.

Und ich bin mir nicht immer sicher, auf welcher Seite Adobe steht.

Denn wenn jede Keynote von KI dominiert wird, dann signalisiert das intern und extern eine klare Priorität. Und wenn Features wie OpenColorIO, HDR-Workflows, Dynamic Text, neue Dateiformatunterstützung und non-destruktive Adjustment Layers in der Kommunikation zu Fußnoten degradiert werden – dann sendet das eine Botschaft. An die Entwickler. An die Nutzer. An den Markt.

Die Botschaft lautet: KI ist das, was zählt. Der Rest ist Pflichtprogramm.

Und diese Verschiebung der Erzählung hat reale Konsequenzen. Für die Wahrnehmung. Für die Erwartungen. Und möglicherweise auch für die Frage, wie intern Ressourcen verteilt werden.

Ich gebe dir ein Beispiel. Photoshops Ebenenbedienfeld – das zentrale Interface-Element, mit dem jeder Nutzer jeden Tag arbeitet – hat sich seit Jahren kaum grundlegend verändert. Es funktioniert. Aber es funktioniert so, wie es seit über einem Jahrzehnt funktioniert. In einer Zeit, in der Composings routinemäßig Dutzende oder Hunderte von Ebenen haben, wäre ein grundlegend neues Konzept für Ebenenverwaltung – intelligente Gruppierung, visuelle Vorschau, kontextbezogene Organisation – eine Innovation, die den Alltag von Millionen Nutzern verbessern würde.

Aber das ist kein KI-Feature. Es ist ein Interface-Problem. Ein Design-Problem. Ein Workflow-Problem. Und solche Probleme scheinen 2026 weniger Bühne zu bekommen als das nächste generative Feature.


Kapitel 4: War früher wirklich alles besser? – Der Nostalgie-Check

Jetzt muss ich ehrlich zu mir selbst sein. Denn die Frage „War früher alles besser?“ ist eine gefährliche Frage. Sie klingt analytisch, ist meistens emotional und führt fast immer in die Irre.

War die Bildbearbeitung vor KI besser? Nein. Definitiv nicht. Langsamer. Mühsamer. Zeitaufwändiger. Ich möchte nicht zurück in die Vor-KI-Zeit. Niemand, der ehrlich ist, möchte das.

War Adobe früher innovativer? Ja und nein.

Ja, im Sinne von: Adobe hat früher mehr grundlegende Werkzeug-Innovationen geliefert. Konzepte, die die Art verändert haben, wie wir über Bildbearbeitung nachdenken. Momente, in denen man als Nutzer spürte: Hier hat jemand über das PROBLEM nachgedacht, nicht über den TREND.

Nein, im Sinne von: Adobe hat auch früher nicht in jedem Update das Rad neu erfunden. Es gab auch damals Updates, die hauptsächlich aus Bugfixes und inkrementellen Verbesserungen bestanden. Die Nostalgie filtert das heraus. Wir erinnern uns an die großen Momente und vergessen die Jahre dazwischen.

Und man muss fair anerkennen: Einige der aktuellen non-KI-Neuerungen SIND substanziell. OpenColorIO und 32-Bit-HDR-Support in Photoshop sind für Profis, die in Film- und HDR-Workflows arbeiten, ein echtes Upgrade. Non-destruktive Clarity- und Grain-Layers lösen Probleme, die seit Jahren bestehen. AVIF- und JPEG-XL-Support bringt Photoshop auf den Stand moderner Bildformate. Das ist keine Stagnation. Das ist solide Produktarbeit.

Aber – und das ist der Punkt – diese solide Produktarbeit wird kommunikativ so leise behandelt, dass sie im KI-Getöse untergeht. Und damit entsteht der EINDRUCK von Einseitigkeit, auch wenn die REALITÄT differenzierter ist.

Und Eindrücke formen Erwartungen. Erwartungen formen Strategien. Strategien formen Produkte. Wenn Adobe nach außen kommuniziert, dass KI alles ist, dann wird KI intern irgendwann auch alles sein. Erzählungen haben die Tendenz, sich selbst zu erfüllen.


Kapitel 5: Der regulatorische Kontext – Vertrauen unter Druck

Ein Punkt, der in eine ehrliche Analyse gehört, auch wenn er nicht direkt mit Innovation zu tun hat: Adobe steht regulatorisch unter erheblichem Druck. Und das beeinflusst die Wahrnehmung des Unternehmens.

Im Juni 2024 hat die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) Klage gegen Adobe und zwei Führungskräfte erhoben. Der Vorwurf: versteckte Gebühren bei der Abo-Kündigung und absichtlich erschwerte Kündigungsprozesse. Die Klage läuft.

Seit dem 19. März 2026 untersucht die britische Competition and Markets Authority (CMA) Adobe wegen Bedenken rund um Kündigungsgebühren und Abo-Konditionen.

Das sind keine Kavaliersdelikte. Das sind regulatorische Verfahren in zwei der wichtigsten Märkte der Welt. Und sie betreffen ein Kernthema: Vertrauen. Das Vertrauen, dass ein Unternehmen, dem du monatlich Geld überweist, fair und transparent mit dir umgeht.

KI-Features allein bauen dieses Vertrauen nicht auf. Im Gegenteil: Wenn ein Unternehmen auf der einen Seite mit beeindruckenden KI-Demos glänzt und auf der anderen Seite wegen irreführender Geschäftspraktiken vor Regulierungsbehörden steht, dann entsteht eine Dissonanz, die langfristig problematisch ist.

Adobe braucht 2026 nicht nur bessere Features. Adobe braucht bessere Geschäftspraktiken. Und das ist eine Innovationsaufgabe, die nichts mit Algorithmen zu tun hat.


Kapitel 6: Was Adobe tun müsste – und was wir als Nutzer einfordern sollten

Ich bin kein Unternehmensberater. Ich bin ein Kreativer, der jeden Tag mit Adobe-Produkten arbeitet. Und als solcher habe ich Wünsche. Nicht als Konsument. Als Praktiker.

Erstens: KI als Werkzeug positionieren, nicht als Identität.

Adobe sollte KI-Features weiterentwickeln. Die guten sollten besser werden. Die weniger guten sollten reifen. Aber KI sollte nicht die EINZIGE Innovationserzählung sein. Daneben braucht es sichtbares Investment in Interface-Design, Workflow-Innovation, Performance-Optimierung und grundlegende Werkzeug-Konzepte. Und diese Arbeit verdient dieselbe Bühne wie die KI-Features. In den Keynotes. In den Pressemitteilungen. In der öffentlichen Kommunikation.

Zweitens: Die Basics nicht vergessen.

Photoshop hat Performance-Probleme bei großen Dateien. Lightroom Classic wird bei großen Katalogen langsam. Cloud-Synchronisation ist nicht immer zuverlässig. Das sind keine glamourösen Probleme. Aber sie betreffen den Alltag von Millionen. Und sie verdienen mindestens so viel Aufmerksamkeit wie das nächste generative Feature.

Drittens: Firefly ehrlich positionieren.

Adobe positioniert Firefly als „commercially safe“ – trainiert auf lizenzierten und Public-Domain-Inhalten, mit IP-Indemnification für qualifizierte Pläne. Das ist eine echte, wichtige Differenzierung. Aber die ästhetische Spitzenposition belegt Firefly im Vergleich zum Gesamtmarkt nicht allein. Und Adobe sollte aufhören, so zu tun, als wäre es so. Die Öffnung für Partner-Modelle – Google, OpenAI, Runway, Kling – ist der klügere strategische Zug. Plattform statt Modell. DAS ist eine echte Stärke.

Viertens: Vertrauen durch Transparenz aufbauen.

Nach der FTC-Klage und der CMA-Untersuchung braucht Adobe nicht mehr KI-Demos. Adobe braucht transparente Kommunikation. Klare Preisstrukturen. Faire Kündigungsbedingungen. Das Gefühl, dass der Konzern seine Community als Partner sieht, nicht als Einnahmequelle.


Kapitel 7: Die unbequeme Synthese

Hat Adobe seine Seele verkauft?

Meine ehrliche Antwort: Nein. Aber die öffentliche Erzählung des Unternehmens verengt sich auf eine Weise, die langfristig zum Problem werden kann.

Adobe hat die KI-Revolution nicht verschlafen. Die Integration von KI-Features in Photoshop und Lightroom hat reale, messbare Vorteile gebracht. Daneben gibt es solide klassische Produktarbeit – HDR-Workflows, neue Dateiformate, non-destruktive Einstellungsebenen, Lightroom-Performance-Verbesserungen. Adobe baut weiterhin an seinen Kernprodukten. Das muss man anerkennen.

Aber die öffentliche Bühne, die Markenidentität und die Innovations-Erzählung werden inzwischen so stark von KI dominiert, dass der Rest daneben verblasst. Und das ist ein Problem. Nicht weil KI schlecht wäre. Sondern weil ein Unternehmen, das seine gesamte Geschichte auf einen einzigen Technologietrend verengt, zwei Dinge riskiert.

Erstens: Es verliert den Blick für die ganzheitliche kreative Erfahrung. Für das Werkzeug als Werkzeug. Für das Interface als Denkraum. Für die Software als Partner des kreativen Prozesses.

Zweitens: Es macht sich abhängig von einem Paradigma, das es nicht kontrolliert. Wenn morgen ein Konkurrent ein fundamental besseres generatives Modell baut – und die KI-Entwicklung zeigt, dass das jederzeit passieren kann – dann steht ein Unternehmen, das seine gesamte Identität auf KI aufgebaut hat, plötzlich nackt da.

Die besten Werkzeuge der Geschichte waren nie die, die am meisten automatisiert haben. Es waren die, die den Menschen, der sie benutzt, besser gemacht haben. Die seine Fähigkeiten erweitert haben, statt sie zu ersetzen. Die ihm das Gefühl gegeben haben: Mit diesem Werkzeug kann ich Dinge tun, die ich ohne es nicht könnte – aber ICH bin es, der sie tut.

Photoshop war jahrzehntelang genau so ein Werkzeug. Es hat den Kreativen nicht ersetzt. Es hat ihn empowered. Es hat ihm Ebenen gegeben, Masken, Smart Objects – Konzepte, die seine Art zu denken verändert haben. Nicht indem sie für ihn gedacht haben. Sondern indem sie ihm neue Denkräume eröffnet haben.

Mein Wunsch – als jemand, der Adobe-Produkte täglich nutzt und trotz aller berechtigten Kritik an Preispolitik und Geschäftspraktiken schätzt – ist, dass Adobe diesen Geist nicht verliert. Dass neben dem nächsten Firefly-Update Raum bleibt für die Fragen, die kein Algorithmus beantworten kann: Wie können wir das Ebenenbedienfeld neu denken? Wie können wir den Composing-Workflow grundlegend verbessern? Wie können wir Farbmanagement intuitiver machen? Wie können wir die Software schneller, eleganter, menschlicher machen – nicht durch KI, sondern durch kluges Design?

Denn am Ende ist KI ein Werkzeug. Ein mächtiges, transformatives Werkzeug. Aber eben ein Werkzeug. Und ein Unternehmen, das seine gesamte Erzählung an ein einzelnes Werkzeug bindet, riskiert, die Identität zu verlieren, die es überhaupt erst relevant gemacht hat.

Adobe hat die kreative Welt nicht erfunden, indem es den heißesten Technologietrend implementiert hat. Es hat sie erfunden, indem es verstanden hat, was Kreative brauchen – manchmal bevor die Kreativen es selbst wussten. Dieses Verständnis war Adobes eigentliche Superkraft.

Und diese Superkraft darf nicht auf dem Altar der KI-Euphorie geopfert werden. Auch wenn die Keynote-Applaus-Maschine dabei weniger laut rattert.

Die KI-Features sollen bleiben. Sie sollen besser werden. Aber daneben muss Raum bleiben für die Frage, die Adobe einst groß gemacht hat:

Was braucht der kreative Mensch – und wie bauen wir ihm das bestmögliche Werkzeug dafür?

Diese Frage hat Photoshop hervorgebracht. Lightroom. InDesign. After Effects. Sie ist die DNA des Unternehmens.

Und wenn Adobe sie vergisst – nicht weil es keine Antworten mehr hat, sondern weil es aufhört zu fragen – dann hat es tatsächlich seine Seele verkauft.

Noch ist es nicht so weit. Aber die Bühne wird enger.


BROWNZ IS ART. ✦

Und die besten Werkzeuge sind die, die dich nicht ersetzen – sondern besser machen.


Stand: März 2026. Adobe entwickelt sich weiter. Die Frage ist nicht ob, sondern wohin. Und ob auf dem Weg dorthin genug Raum bleibt für das, was kein Algorithmus liefern kann: echtes Verständnis für kreative Menschen.


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