Unsere Bewertung: 8,5 / 10

Manche Filme laufen ab wie ein Schweizer Uhrwerk – jedes Rädchen greift ins andere, alles ist sauber, poliert und am Ende genau so, wie man es erwartet hat. Und dann gibt es Filme, die sich anfühlen wie ein Motor, der ein bisschen zu hoch dreht. Laut, vibrierend, voller Energie und immer kurz davor, zu überhitzen.

„Marty Supreme“ ist definitiv so ein Motor.

Das hier ist kein ruhiges Kammerspiel und auch kein glattgebügelter Blockbuster, bei dem alles nach Schema F läuft. Es fühlt sich eher an wie eine kreative Explosion. Ein wilder Ritt durch Ehrgeiz, Talent und ein Ego, das kaum durch die Tür passt.

Im Mittelpunkt steht Marty. Ein junger Typ aus New York, einfache Verhältnisse, kein Wunderkind, kein geborener Star. Marty arbeitet im Schuhgeschäft seines Onkels, sortiert Kartons und hat dieses nagende Gefühl im Bauch, dass das Leben doch mehr zu bieten haben muss als den Geruch von Leder und Schuhcreme. Er ist ein Beobachter. Er saugt die Welt auf, analysiert Menschen, sucht nach einer Lücke im System.

Und dann findet er sie. Ausgerechnet im Tischtennis.

Ja, Tischtennis. Aber vergiss alles, was du über Schulpausen, Jugendzentren oder entspannte Runden im Park weißt. In diesem Film ist Tischtennis kein Hobby. Es ist eine Arena. Eine Bühne für psychologische Kriegsführung, für Geschwindigkeit, für den totalen Triumph oder die absolute Niederlage.

Sobald Marty den Schläger in die Hand nimmt, ändert sich der Film. Er nimmt Fahrt auf, und zwar gewaltig. Regisseur Josh Safdie inszeniert das Ganze mit diesem typischen nervösen Tempo, das man von ihm kennt. Die Kamera ist unruhig, immer in Bewegung, immer nah dran. Szenen wirken chaotisch, lebendig, manchmal fast außer Kontrolle. Man hat oft das Gefühl, man steht direkt neben Marty, mitten im Gedränge, mitten im Lärm, während er versucht, sich seinen Weg nach oben zu bahnen.

Ein riesiger Teil der Wirkung liegt an Timothée Chalamet. Er spielt Marty mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Das ist keine klassische Heldengeschichte. Marty ist nicht der strahlende Sympathieträger, dem man alles gönnt. Er ist ehrgeizig, oft arrogant, impulsiv und manchmal rücksichtslos.

Aber genau das macht ihn spannend.

Chalamet schafft es, dass man ihm trotzdem zuschauen will. Er gibt Marty diesen speziellen Blick – den Blick von jemandem, der immer zwei Schritte weiter denkt als der Rest, aber gleichzeitig ständig am Abgrund balanciert. In manchen Momenten wirkt er wie ein Zocker, der alles auf eine Karte setzt, obwohl er weiß, dass die Bank fast immer gewinnt. Der Film macht nicht den Fehler, ihn zu glorifizieren. Marty ist ein Mensch mit Fehlern, mit Unsicherheiten und einer ordentlichen Portion Größenwahn.

Was den Film außerdem besonders macht, ist der Look. Man spürt in jeder Szene, wie viel Wert auf Atmosphäre gelegt wurde. Die Welt von „Marty Supreme“ atmet. Die Straßen von New York, die verrauchten Clubs, die stickigen Sporthallen – alles wirkt greifbar, echt, lebendig.

Die Farben sind warm, oft leicht körnig, mit einer Nostalgie, die nie kitschig wird. Die Kameraarbeit erinnert an altes analoges Kino, rau und romantisch zugleich. Neonlicht spiegelt sich auf nassem Asphalt, Schatten füllen die Ecken der Räume, und die Tischtennisplatten werden ausgeleuchtet wie Boxringe vor dem Hauptkampf. Es ist visuell einfach ein Genuss.

Dabei wird schnell klar: Es geht hier nicht wirklich um Tischtennis.

Es geht um den Antrieb. Um das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Um diese fast schon schmerzhafte Energie, die entsteht, wenn jemand spürt, dass er zu Großem fähig ist, aber noch nicht weiß, wie er dort hinkommen soll.

Der Soundtrack peitscht das Ganze noch weiter an. Die Musik ist dynamisch, mal verspielt, mal treibend, und sie passt perfekt zum Rhythmus der Bilder. Gerade in den Spielszenen verschmelzen Bild und Ton zu einem Rausch. Schnelle Schnitte, das harte Klacken der Bälle, das Keuchen der Spieler – das ist kein Sport mehr, das ist ein Duell. So spannend hat man Tischtennis wahrscheinlich noch nie gesehen.

Ist der Film perfekt? Nein.

Das Tempo ist stellenweise so hoch, dass man kaum zum Durchatmen kommt. Szenen wechseln schnell, Dialoge überschlagen sich, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Das sorgt für Energie, kann aber auch verwirrend sein. Manchmal hätte man sich gewünscht, dass der Film kurz innehält, um einen Moment wirken zu lassen.

Auch die Länge ist ein Thema. Mit über zwei Stunden fühlt sich „Marty Supreme“ an manchen Stellen etwas gedehnt an. Es gibt Szenen, die zwar schön anzusehen sind, aber die Geschichte nicht unbedingt voranbringen. Ein bisschen Straffung hätte dem Rhythmus vielleicht gutgetan.

Aber ganz ehrlich? Das sind Kleinigkeiten.

Denn „Marty Supreme“ hat etwas, das vielen Filmen heute fehlt: Persönlichkeit.

Man merkt, dass hier eine Vision dahintersteckt. Dass jemand einen Film machen wollte, der nicht jedem gefallen muss, sondern der eine Haltung hat. Er ist laut, schnell, manchmal chaotisch – aber er ist auch mutig und visuell beeindruckend.

Es ist einer dieser Filme, bei denen man nach dem Abspann sitzen bleibt und denkt: Okay, das war was Eigenes. Das war lebendig.

Kino muss nicht immer glatt sein. Manchmal darf es stolpern, springen, übertreiben. Manchmal muss es sogar wild sein, um im Gedächtnis zu bleiben.

Fazit:
„Marty Supreme“ ist ein Kraftpaket von einem Film. Eine Geschichte über Ehrgeiz, Talent und den schmalen Grat zwischen Erfolg und Größenwahn. Mit einem starken Hauptdarsteller, einem fantastischen Look und einer Energie, die einen mitreißt. Nicht perfekt, vielleicht ein bisschen zu lang und zu hektisch – aber absolut sehenswert.

Unsere Bewertung: 8,5 von 10 Punkten.


Quellen: Filminformationen und Produktionsdetails zu „Marty Supreme“ aus internationalen Filmberichten und Branchenartikeln.


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