Ein Brownz-Manifest über Ästhetik, Technik und die dünne Linie zwischen Kunst und Plastik.

Prolog: Warum Retusche nie unschuldig ist
Beauty-Retusche ist kein neutraler Knopf. Es ist ein Eingriff in Wahrnehmung, Ideale und Identität. Zwischen „Wow, sauber gearbeitet“ und „Oh Gott, das sieht nach Plastik aus“ liegen Millimeter. In diesem Beitrag geht es um die unsichtbaren Fehler, die fast jeder begeht – selbst Profis. Fehler, die Bilder schwächen, statt sie zu veredeln. Fehler, die Schönheit glätten, bis nichts Echtes mehr übrig ist.
These: Gute Retusche ist wie gute Chirurgie – unsichtbar. Schlechte Retusche ist wie ein Neon-Schild im Gesicht des Betrachters.
1. Fehler: Haut wie Plastik
Symptom: Weichzeichner bis zur Unkenntlichkeit. Keine Poren, keine Mikrostruktur, nur Wachs.
Warum es passiert: Übernutzung von „Haut weichzeichnen“-Filtern oder Frequency Separation ohne Feingefühl. Der Retuscheur vertraut dem Werkzeug mehr als dem Auge.
Lösung: Dodge & Burn auf Mikroebene. Nur auf Störstellen arbeiten, nicht auf der gesamten Haut. Haut lebt von Unebenheiten – das sind keine Fehler, das ist Textur.
2. Fehler: Zähne in Leuchtstoffröhren-Weiß
Symptom: Zähne so weiß, dass sie selbst nachts Flugzeuge leiten könnten.
Warum es passiert: Globale Farbkorrektur ohne Maskierung, fehlende Kontrolle über Luminanz.
Lösung: Selektive Farbkorrektur. Nur Gelb- und Orangetöne anpassen, leichte Entsättigung, minimale Helligkeitserhöhung. Natürlichkeit vor Perfektion.
3. Fehler: Augen als Alien-Leuchtkörper
Symptom: Iriskreise glühen, Catchlights verdoppelt, Weißflächen ohne Blutgefäße.
Warum es passiert: Übertriebene Schärfung + zu starke Aufhellung.
Lösung: Augen mit Dodge & Burn subtil betonen, Schärfung nur selektiv. Sklera (Augenweiß) nie auf 100% Weiß ziehen – Blutgefäße sind menschlich, nicht Makel.
4. Fehler: Lippen im Comic-Look
Symptom: Übermalte Lippen, zu starke Sättigung, unrealistische Kanten.
Warum es passiert: Arbeit mit globalen Farbebenen statt lokaler Masken.
Lösung: Farbanpassung lokal, Transparenz nutzen. Lippen haben Farbverläufe – Mitte intensiver, Ränder softer.
5. Fehler: Haare ohne Leben
Symptom: Zu glattgezogen, alle Strays entfernt. Es wirkt wie eine Perücke.
Warum es passiert: Retuscheur denkt, Unordnung = Fehler.
Lösung: Flyaways reduzieren, nicht eliminieren. Einzelne Strays erhalten Bewegung und Authentizität.
6. Fehler: Falsche Proportionen durch Liquify
Symptom: Gesichter, die wie gezogenes Gummi wirken, Körper ohne Anatomie.
Warum es passiert: Liquify ohne anatomisches Verständnis.
Lösung: Liquify nur in Smart-Objekten, kleine Schritte, immer Symmetrie und Linienführung beachten. Kontrolle im Vorher/Nachher.
7. Fehler: Farbmanagement ignoriert
Symptom: Haut sieht im Export anders aus als in Photoshop.
Warum es passiert: Unterschiedliche Arbeitsfarbräume, keine Softproofs.
Lösung: Einheitlicher Workflow. RAW in ProPhoto/AdobeRGB, Bearbeitung in 16-Bit, Export in sRGB für Web. Immer Proofen.
8. Fehler: Retusche ohne Narrativ
Symptom: Alles ist perfekt – und langweilig.
Warum es passiert: Retusche als Selbstzweck. Alles, was „abweicht“, wird eliminiert.
Lösung: Retusche ist Teil der Story. Ein Muttermal kann Charakter sein. Eine Falte kann Tiefe geben. Kunst entscheidet, nicht der Filter.
9. Fehler: Workflow-Chaos
Symptom: 200 Ebenen, nichts benannt, keine Gruppen. Änderungen dauern ewig.
Warum es passiert: Schnellstart, keine Struktur.
Lösung: Ordnung = Geschwindigkeit. Ebenen benennen, Gruppen nutzen, Smart-Objekte einsetzen, Master-Dateien von Deliverables trennen.
10. Fehler: Zu viel KI, zu wenig Kontrolle
Symptom: „Generatives Füllen“ regelt – und liefert Hände mit sechs Fingern oder Haut wie Plastik.
Warum es passiert: Vertrauen in KI ohne Korrektur.
Lösung: KI als Assistent, nicht als Regisseur. Ergebnis prüfen, übermalen, verfeinern. Dokumentieren, wo KI genutzt wurde (Content Credentials).
Fazit: Retusche ist chirurgische Kunst
Die meisten Fehler entstehen, weil Werkzeuge dominieren, nicht Augen. Retusche darf nicht schreien, sondern flüstern. Sie soll die Schönheit rahmen, nicht erfinden.
Goldene Regel: Wenn man deine Retusche sieht, hast du sie falsch gemacht.
10 Brownz-Tipps für saubere Beauty-Retusche
- Vergrößern, verkleinern, vergleichen. Immer 100% und Fullscreen wechseln.
- Non-destruktiv arbeiten. Einstellungsebenen, Smartfilter, Masken.
- Kalibrierter Monitor. Ohne ihn ist alles Glücksspiel.
- Vorher/Nachher-Ritual. Alle 5 Minuten vergleichen.
- Reduktion statt Addition. Weniger Eingriffe, gezielter.
- Textur über Glätte. Poren = Leben.
- Hauttöne messen. Nicht nur nach Gefühl arbeiten.
- K.I. gezielt, nicht blind. Generatives Füllen nur als Werkzeug.
- Erzählung im Kopf. Was soll das Bild sagen? Retusche muss dazu passen.
- Archivpflege. Versionen, Presets, klare Dateistruktur.
Schlusswort: Beauty-Retusche ist kein Kampf gegen Realität, sondern ein Tanz mit ihr. Wer tanzt, braucht Taktgefühl. Wer prügelt, zerstört. Die versteckten Fehler sind keine Schande – sie sind deine Einladung, besser zu werden.
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