Ich muss euch von einem Abend erzählen. Einem Abend, nach dem ich mit Kunstblut auf dem Hemd und einem Grinsen im Gesicht nach Hause gefahren bin. Und das Verrückteste daran: Beides war Absicht.

Also, nicht meine Absicht. Die vom Theater.


Was ich erwartet hab

Ehrlich gesagt wusste ich nicht genau, worauf ich mich einlasse. Evil Dead als Musical, okay. Kannte die Filme. Ash mit der Kettensäge, Dämonen im Wald, Hütte im Nirgendwo. Kultzeug, klar.

Aber Musical? Auf einer Bühne? In Linz?

Ich dachte: Wird wahrscheinlich ganz lustig. Bisschen Comedy, bisschen Grusel-Light, ein paar Songs, Applaus, fertig.

Dann hab ich mich hingesetzt. Mantel noch an. Kulturmodus. Alles ganz normal.

Und dann flog das erste Blut.

Nicht metaphorisch. Nicht angedeutet. Physisch. Quer über die Bühne und teilweise ins Publikum.

Bei der Premiere haben sie Ponchos verteilt. Ponchos. Im Theater. Das muss man sich mal vorstellen.

Ab dem Moment wusste ich: Das hier ist was anderes.


Was das Ding eigentlich ist

Das Stück nimmt sich die drei Evil-Dead-Filme vor – The Evil Dead, Evil Dead 2 und Army of Darkness – und macht daraus etwas, das ich nicht wirklich einordnen kann. Es ist keine Parodie. Es ist kein klassisches Musical. Es ist auch kein reines Comedy-Ding.

Es ist alles gleichzeitig. Und irgendwie funktioniert das.

Fünf Studenten fahren in eine Hütte im Wald. Da liegt ein Buch. Sie lesen draus vor. Böse Mächte erwachen. Ab da eskaliert alles. Kennt man aus den Filmen. Nur dass hier zwischen den Dämonenangriffen gesungen wird. Und zwar nicht schlecht. Die Songs sind witzig, manche sind sogar richtig gut, und es gibt Momente, da sitzt du da und denkst gleichzeitig: Das ist total bescheuert und das ist total genial.

Ash hat seine Kettensäge. Es gibt Körperteile, die sich selbstständig machen. Es gibt Splatter-Effekte, die man auf einer Bühne eigentlich nicht für möglich hält.

Und das Publikum liebt es. Jede Sekunde.


Warum das ausgerechnet in Linz funktioniert

Das Theater in der Innenstadt feiert mit dieser Produktion sein 15-jähriges Jubiläum. Fünfzehn Jahre. Und statt sich selbst zu feiern mit irgendeiner Best-of-Gala oder einem sicheren Klassiker, machen sie das hier.

Evil Dead. Mit Kunstblut. Mit Kettensäge.

Das ist mutig. Richtig mutig. Vor allem für ein kleines Theater.

Aber genau das macht den Unterschied. Große Häuser können sich sowas oft nicht leisten – nicht finanziell, sondern vom Selbstverständnis her. Da muss alles poliert sein, abgesegnet, risikofrei.

Kleine Häuser können explodieren. Die haben nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Und wenn du in einem kleinen Raum sitzt, nah an der Bühne, und da passiert sowas vor dir – dann ist das eine andere Intensität als in irgendeinem Saal mit tausend Plätzen.

Du riechst das Kunstblut. Du spürst die Energie. Du bist Teil davon, ob du willst oder nicht.

Theater in der Innenstadt – Linz


Die vierte Wand? Gibt es nicht.

Was mich am meisten überrascht hat: Wie das Publikum reagiert.

Normalerweise sitzt du im Theater und guckst zu. Still. Brav. Vielleicht lachst du mal. Vielleicht klatschst du zwischen den Akten.

Hier nicht.

Hier schreien Leute. Lachen laut. Ducken sich reflexartig, wenn das Blut fliegt. Rufen Sachen. Und niemand guckt komisch, weil alle anderen das Gleiche machen.

Das Theater wird zum Mitmach-Event. Nicht auf diese gezwungene Art, wo jemand auf der Bühne sagt: Und jetzt klatschen wir alle mal zusammen. Sondern organisch. Weil das Stück es aus dir rausholt.

Ich hab Leute gesehen, die nach der Vorstellung ihre Kleidung fotografiert haben. Rote Spritzer auf weißen Blusen. Mit stolzem Grinsen. Das ist normalerweise ein Grund für eine Reinigung, hier ist es ein Souvenir.


Warum mich das berührt hat

Ich weiß, das klingt komisch bei einem Stück über Dämonen und Kettensägen. Aber da ist was passiert an dem Abend, das mich berührt hat.

Nicht emotional im Sinn von traurig oder tief. Eher so: Da war ein Raum voller Menschen, die gemeinsam etwas erlebt haben. Die zusammen gelacht haben, zusammen geschrien haben, zusammen diesen Wahnsinn durchgemacht haben.

Das ist selten geworden. Wir sitzen alle vor unseren Bildschirmen, gucken Serien allein, scrollen durch Social Media. Und dann gehst du in dieses kleine Theater in Linz und plötzlich bist du Teil von was. Teil einer Gruppe, die gerade das Gleiche durchmacht.

Das ist die eigentliche Magie. Nicht das Blut, nicht die Songs, nicht die Spezialeffekte. Sondern dieses Gefühl von: Wir sind hier alle zusammen, und das hier passiert gerade nur für uns, nur in diesem Moment.

Dafür gibt es kein Streaming. Dafür muss man da sein.


Für wen das was ist

Lass mich kurz sortieren, für wen das nichts ist: Für Leute, die ins Theater gehen, um sich intellektuell bestätigt zu fühlen. Die nach der Vorstellung über Dramaturgie diskutieren wollen. Die ein sauberes Hemd als Grundrecht betrachten.

Für die ist das nichts.

Für alle anderen: Geht hin.

Wenn du die Evil-Dead-Filme magst – sowieso. Wenn du Musicals magst – ja, auch. Wenn du beides nicht magst, aber Lust hast auf einen Abend, der anders ist als alles, was du kennst – erst recht.

Du musst kein Horror-Fan sein. Du musst kein Musical-Fan sein. Du musst nur bereit sein, dich drauf einzulassen. Den Mantel auszuziehen, im Zweifelsfall den Poncho anzuziehen, und loszulassen.


Was du danach sagst

Du gehst nicht nach Hause und sagst: Schön gespielt. Gute Stimmen. Nettes Bühnenbild.

Du gehst nach Hause und sagst: Was zur Hölle war das gerade? Und wann gibt es die nächste Vorstellung?

Ich hab es drei Leuten erzählt seitdem. Alle drei haben Karten gekauft. Einer hat mich gefragt, ob er seinen guten Anzug anziehen soll. Ich hab gesagt: Auf keinen Fall.


Mein Fazit

Evil Dead – The Musical ist nicht das beste Musical, weil es technisch perfekt ist. Es ist wahrscheinlich nicht mal das beste Musical, das gerade in Österreich läuft, wenn man es nach klassischen Maßstäben beurteilt.

Aber es ist das lebendigste.

Es ist der Beweis, dass Theater noch gefährlich sein kann. Dass es noch überraschen kann. Dass es einen Raum geben kann, in dem Erwachsene sich benehmen wie Kinder – im besten Sinn.

Blutig. Chaotisch. Laut. Lustig. Und mit mehr Herz, als man bei so viel Kunstblut erwarten würde.

Wenn du nur zuschauen willst, geh woanders hin.
Wenn du was erleben willst, geh nach Linz.

Und nimm Klamotten mit, die du danach waschen kannst.


Theater in der Innenstadt – Linz


Wie dieser Text entstanden ist

Meine Blogartikel entstehen aus Sprachmemos – in diesem Fall eingesprochen auf dem Heimweg, noch mit Kunstblut am Ärmel. Wird transkribiert und mit KI in eine lesbare Form gebracht. Die Begeisterung und die Flecken auf dem Hemd sind hundert Prozent echt.



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