
Spoiler: Es ist meistens schlimmer als in jedem Horrorfilm.
Ich kenn das Gefühl. Du lernst jemanden kennen. Kreativ, charmant, interessant. Redet über Kunst, über Vision, über Werte. Du denkst: Endlich. Endlich jemand, der es versteht. Endlich jemand, mit dem man arbeiten kann. Vielleicht sogar ein Freund.
Und dann fällt die Maske.
Und du stehst da wie der Typ in einem Horrorfilm, der gerade gemerkt hat, dass das freundliche Nachbarskind die ganze Zeit ein Küchenmesser hinterm Rücken hatte.
Warum ausgerechnet Kreative?
Das ist die Frage, die mich schon jahrelang beschäftigt. Warum ist das Maskenphänomen im Kreativbereich so ausgeprägt? Warum gibt es in Künstlerkreisen, in der Fotoszene, in Designergruppen, in allen möglichen kreativen Communities so unglaublich viele Menschen, die eine Persona aufgebaut haben, die mit ihrer tatsächlichen Persönlichkeit ungefähr so viel zu tun hat wie ein Stockfoto mit echter Emotion?
Ich hab ein paar Theorien. Und zwanzig Jahre Erfahrung, die diese Theorien ziemlich gut unterstützen.
Theorie Nummer eins: Kreativität legitimiert Exzentrik.
In kaum einem anderen Bereich ist es so akzeptiert, seltsam zu sein. Schwierig. Kompromisslos. Eigen. Das schafft eine perfekte Deckung für Leute, die eigentlich einfach nur unangenehm sind, aber das gerne als künstlerische Eigenheit verkaufen.
„Ich bin halt so.“ Nein. Du bist ein Arsch. Das ist was anderes.
Aber die kreative Bubble verzeiht das. Manchmal sogar feiert sie es. Der schwierige Künstler als Mythos. Der unnahbare Fotograf als Marke. Der exzentrische Designer als Legende.
Herrliche Deckung für echte Monster.
Theorie Nummer zwei: Die Maske ist das Produkt.
Im Kreativbereich verkaufst du dich selbst. Deine Persönlichkeit ist Teil deines Brandings. Deine Geschichte, deine Werte, dein Stil – das ist nicht nur du, das ist Marketingmaterial.
Also wird aus der Maske ein Produkt. Fein poliert, konsistent in allen Kanälen, perfekt auf die Zielgruppe abgestimmt. Der authentische Künstler. Die nahbare Fotografin. Der zugängliche Designer.
Und irgendwann verwechseln manche Leute die Maske mit sich selbst. Und irgendwann passt die Maske nicht mehr. Und dann knallt sie runter.
Theorie Nummer drei: Kreativität kommt oft mit Wunden.
Das klingt jetzt klischeehaft, aber lass mich das ausführen.
Viele Menschen, die kreativ arbeiten, sind das nicht zufällig. Kreativität ist oft ein Ventil. Ein Weg, Erfahrungen zu verarbeiten, die anders nicht verarbeitbar sind. Schmerz in Kunst zu verwandeln. Verwirrung in Struktur.
Das bedeutet: Viele Kreative tragen echte, tiefe, unverarbeitete Sachen mit sich rum. Und die Maske ist oft der Schutz davor, dass das jemand sieht.
Das ist menschlich. Das ist verständlich. Das verdient Mitgefühl.
Aber es erklärt, warum der Moment, in dem die Maske fällt, so dramatisch ist. Weil darunter nicht nur eine andere Persönlichkeit wartet. Sondern manchmal ein komplettes unbearbeitetes Chaos.
Die Typen, die ich kenne
Zwanzig Jahre Kreativbranche. Ich hab ein paar Archetypen kennengelernt.
Der Visionär.
Redet nur über seine großen Pläne. Projekte, die die Welt verändern werden. Kollaborationen, die er andenkt. Ideen, die gerade noch in Entwicklung sind. Immer kurz vor dem Durchbruch. Immer knapp davor.
Wenn die Maske fällt, stellt sich raus: Es gibt keine Projekte. Es gibt nie Projekte. Es gibt nur Reden über Projekte. Weil Reden billiger ist als Machen und weil man für nicht fertige Projekte nicht kritisiert werden kann.
Diese Spezies ist harmlos, aber zeitfressend. Ich hab Jahre meines Lebens in Gesprächen mit Visionären verbracht, die nichts produziert haben.
Die Mentorin.
Bietet Rat an, ob man ihn will oder nicht. Weiß alles besser. Hat mehr Erfahrung. Hat schon alles gesehen. Ist großzügig mit Einschätzungen, die niemand bestellt hat.
Wenn die Maske fällt: Der ganze Rat war nie für dich. Er war dafür, sich selbst groß zu fühlen. Das Mentoring war Kontrolle in Lehrpersonen-Kostüm.
Diese Spezies ist gefährlicher, weil sie echten Schaden anrichten kann. Besonders bei Anfängern, die tatsächlich Rat suchen und stattdessen Abhängigkeit bekommen.
Der Kollaborateur.
Will immer mit allen zusammenarbeiten. Findet jede Idee toll. Ist enthusiastisch, zugänglich, begeistert. Sagt Ja zu allem.
Wenn die Maske fällt: Liefert nichts. Nimmt alles. Taucht auf, wenn es was zu nehmen gibt, und verschwindet, wenn es was zu geben gilt. Die Kollaboration war immer eine Einbahnstraße, nur dass du zu lange gebraucht hast, das zu merken.
Diese Spezies ist besonders schwer zu erkennen, weil die Maske so verdammt sympathisch ist.
Der Vernetzer.
Kennt jeden. Erwähnt ständig Namen. Ist immer gerade von einem wichtigen Meeting zurückgekommen. Lädt überall Leute ein, vorzugsweise zu Dingen, die er selbst nicht bezahlt.
Wenn die Maske fällt: Die Verbindungen sind oberflächlicher als ein Like auf Instagram. Der Name, den er bei jedem Gespräch erwähnt, kennt ihn kaum. Das Netzwerk ist Fassade, dahinter ist wenig Substanz.
Der Kämpfer für die Sache.
Das ist mein Lieblingsarchetype, weil er am schwierigsten zu durchschauen ist.
Redet lautstark über Werte. Über Fairness, über Solidarität, über Gemeinschaft. Ist immer auf der richtigen Seite. Sagt die richtigen Sachen. Schreibt die richtigen Posts.
Wenn die Maske fällt, und die fällt immer irgendwann: Das waren alles Positionen, keine Überzeugungen. Performances, keine Werte. Weil wenn es persönlich wird, wenn es was kostet, wenn die eigene Bequemlichkeit auf dem Spiel steht, dann sieht die Solidarität plötzlich ganz anders aus.
Diese Spezies ist die gefährlichste. Weil man ihr am meisten vertraut.
Warum die Maske überhaupt irgendwann fällt
Das ist eigentlich die interessanteste Frage.
Masken kosten Energie. Unglaublich viel Energie. Eine Persona aufrechtzuerhalten, die nicht die eigene ist, ist erschöpfend. Du musst dich ständig erinnern, wer du sein sollst. Du musst konsistent sein über Jahre, über Plattformen, über Beziehungen hinweg.
Das hält keiner ewig durch.
Irgendwann kommt der Moment der Erschöpfung. Oder des Stresses. Oder des Erfolgs, ironischerweise. Weil Erfolg oft die Kontrolle lockert. Weil man sich denkt: Ich hab’s geschafft, jetzt muss ich nicht mehr so tun als ob.
Oder es kommt ein Trigger. Eine Krise. Eine Ablehnung. Ein Konflikt. Etwas, das die sorgfältig aufgebaute Konstruktion erschüttert.
Und dann fällt die Maske. Manchmal langsam, manchmal auf einmal.
Und was darunter zum Vorschein kommt, ist selten das, was man erwartet.
Der Slasher-Vergleich, der erschreckend gut passt
Ich hab den Slasher-Vergleich in der Überschrift nicht zufällig gewählt.
Kennt ihr diese Szene in jedem guten Horrorfilm? Da ist dieser nette Typ. Freundlich, hilfsbereit, immer da wenn man ihn braucht. Alle mögen ihn. Und dann – irgendwann, aus irgendeinem Grund, meist im dritten Akt – dreht er sich um und es ist Michael Myers.
Und rückblickend waren alle Zeichen da. Die kleinen Momente, die komisch wirkten. Die Reaktionen, die nicht ganz stimmten. Die Sätze, bei denen man kurz dachte: Hm. Ist aber schnell wieder weggegangen.
Genau so ist das mit Masken im Kreativbereich.
Rückblickend sieht man immer: Die Zeichen waren da.
Das eine Mal, wo er auf Kritik reagiert hat wie auf einen persönlichen Angriff. Das andere Mal, wo sie plötzlich kalt wurde, als das Gespräch in ihre Richtung ging. Der Moment, wo er über einen Kollegen geredet hat, und da war was in der Stimme, das nicht stimmte.
Man hat es gesehen und nicht gesehen.
Und dann fällt die Maske und man steht da wie die Protagonistin im Horrorfilm, die gerade ihren besten Freund ohne Gesicht vor sich hat und denkt: Ich hätte früher laufen sollen.
Was man tun kann – und was man nicht kann
Okay, jetzt wird es praktisch.
Zeichen erkennen, bevor die Maske fällt:
Wie jemand über andere redet, wenn er denkt, man hört nicht hin. Das ist das zuverlässigste Frühwarnsystem. Jemand, der hinter dem Rücken von Kollegen redet, redet hinter deinem auch. Garantiert.
Wie jemand mit Kritik umgeht. Nicht mit fremder Kritik – mit der an ihm selbst. Das ist aufschlussreich. Wer bei der kleinsten Anmerkung hochgeht oder komplett abblockt, hat eine Maske, die er schützt.
Wie jemand in Stressphasen ist. Die Maske hält im Normalbetrieb. Unter Druck zeigt sich das echte Gesicht. Reise mit jemandem, arbeite unter Deadline mit jemandem, erlebt eine Krise mit jemandem. Dann weißt du, wer da ist.
Ob Worte und Taten übereinstimmen. Nicht einmal, nicht zweimal. Über Zeit. Jemand kann einmal eine gute Ausrede haben. Zweimal vielleicht. Aber wenn das Muster immer dasselbe ist, ist das kein Zufall. Das ist Charakter.
Was man nicht tun kann:
Man kann niemanden zwingen, die Maske abzunehmen. Man kann niemanden reparieren. Man kann nicht rückwirkend die Beziehung retten, die auf einer Illusion basiert hat.
Was man tun kann: Gehen. Wenn die Maske gefallen ist und was darunter war, hat man den Beweis. Den braucht man manchmal, weil man vorher zu lange gezweifelt hat.
Warum ich mich selbst nicht ausnehme
Hier wird es jetzt ungemütlich.
Weil ich auch Masken getragen habe. Andere als die beschriebenen, hoffe ich. Aber Masken.
Diese professionelle Fassade, die signalisiert: Alles im Griff. Die Sicherheit, die man ausstrahlt, wenn man eigentlich unsicher ist. Das Lächeln, wenn der Kommentar unter dem Bild nervt, aber man es sich nicht anmerken lässt. Die Begeisterung für ein Projekt, die man performt, obwohl man innerlich zweifelt.
Das sind auch Masken. Kleinere, vielleicht. Sozial akzeptablere. Aber keine echten Gesichter.
Und ich glaube, ein Teil davon ist unvermeidlich. Wir alle tragen in verschiedenen Situationen verschiedene Versionen von uns selbst. Das ist nicht Heuchelei, das ist soziale Kompetenz.
Der Unterschied ist, ob die Maske eine Schutzfunktion hat oder eine Täuschungsfunktion.
Schutzmaskierung: Ich zeig dir noch nicht alles, weil ich dich noch nicht kenne.
Täuschungsmaskierung: Ich zeig dir eine Version von mir, die nicht stimmt, damit du mich magst oder mir vertraust oder was von mir gibst.
Das erste ist Grenze. Das zweite ist Manipulation.
Das Gute an fallenden Masken
Okay, ich muss auch was Positives sagen. Weil es tatsächlich was Positives gibt.
Wenn eine Maske fällt, endet auch eine Lüge.
Und mit dem Ende der Lüge beginnt Klarheit.
Du weißt jetzt, woran du bist. Du musst keine Energie mehr darauf verwenden, Menschen zu interpretieren, Zeichen zu deuten, Hoffnungen zu haben, die keine Grundlage haben.
Das ist schmerzhaft. Manchmal sehr schmerzhaft.
Aber es ist ehrlicher als vorher.
Und in einer Branche, die so viel von Authentizität redet – auf LinkedIn, in Instagram-Captions, in Podcasts über Kreativität – ist Ehrlichkeit eigentlich das radikalste Ding, das man haben kann.
Die echten Menschen. Die, die keine perfekte Persona aufgebaut haben. Die, die zugeben, wenn was schiefläuft. Die, die nicht immer das Richtige sagen und trotzdem konsequent sind, wenn es drauf ankommt.
Die sind selten. Aber die gibt es.
Und nach zwanzig Jahren kann ich sagen: Die erkennst du meist daran, dass sie weniger reden und mehr tun. Dass sie keine große Show machen aus ihren Werten, sondern einfach dementsprechend handeln. Dass sie unbequem sein können, aber dabei berechenbar bleiben.
Keine Maske. Kein Hochglanz. Aber echt.
Das ist mir inzwischen mehr wert als jede perfekte Persona.
Ein letzter Gedanke
Das nächste Mal, wenn du jemanden kennenlernst, der in allem perfekt wirkt – der immer das Richtige sagt, immer die richtigen Werte hat, immer sympathisch und zugänglich und inspirierend ist –
– dann schau ein bisschen länger hin.
Nicht misstrauisch. Nicht paranoid.
Aber aufmerksam.
Weil echte Menschen haben Risse. Echte Menschen sagen manchmal das Falsche. Echte Menschen haben Tage, wo sie nicht inspirierend sind, sondern einfach müde und gereizt und menschlich.
Wer nie Risse zeigt, hat sie vielleicht besonders gut verborgen.
Und irgendwann – im dritten Akt, wie immer – dreht er sich um.
Und du weißt Bescheid.
Wie dieser Text entstanden ist
Meine Blogartikel entstehen aus Sprachmemos – dieser hier aus einem langen Abend und der Erinnerung an zu viele Momente, wo Masken gefallen sind und ich danach dachte: Das hätte ich früher sehen können. Wird transkribiert und mit KI in Form gebracht. Die Narben und der schwarze Humor sind komplett meine eigenen.
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