
Ich saß neulich vor einem Bild, das ich gerade fertiggestellt hatte. Eine Figur, halb Mensch halb etwas anderes, in einem Raum, der gleichzeitig vertraut und fremd wirkte. Und während ich draufschaute, kam mir dieser Gedanke:
Sind wir nicht alle irgendwie undokumentierte Aliens?
Ich meine das nicht politisch. Oder vielleicht doch, ein bisschen. Aber vor allem meine ich es philosophisch. Existenziell. Als Frage, die sich stellt, wenn man lange genug allein in einem Zimmer sitzt und über Bilder und Menschen und das Leben nachdenkt.
Lass mich versuchen, das zu entfalten.
Was ein undokumentierter Alien eigentlich ist
Im politischen Kontext ist die Bedeutung klar: Ein Mensch, der sich in einem Land aufhält, ohne die offiziellen Dokumente zu haben, die ihm erlauben, dort zu sein. Kein Visum, kein Pass, keine Aufenthaltserlaubnis. Jemand, dessen Existenz an diesem Ort nicht autorisiert, nicht anerkannt, nicht registriert ist.
Das System sagt: Du gehörst hier nicht hin.
Aber jetzt nimm das Bild und mach es größer. Viel größer.
Was ist das eigentlich für ein Dokument, das unsere Existenz legitimiert? Was ist diese Erlaubnis, die wir bräuchten, um wirklich dazuzugehören – zu einem Land, zu einer Gesellschaft, zu einer Familie, zu uns selbst?
Und wer stellt dieses Dokument aus?
Niemand hat uns gefragt
Das fängt schon mit der Geburt an. Kein Mensch hat eingewilligt, geboren zu werden. Du wurdest einfach in diese Welt geworfen – in ein bestimmtes Land, in eine bestimmte Familie, in einen bestimmten Körper, in eine bestimmte Zeit. Ohne Bewerbungsgespräch, ohne Auswahlverfahren, ohne Chance, Nein zu sagen.
Die Philosophen nennen das Faktizität. Das Gewordensein ohne eigenes Zutun. Heidegger sprach vom Geworfensein. Wir werden geworfen, in eine Situation, die wir nicht gewählt haben, und müssen dann irgendwie damit umgehen.
Du hast nicht entschieden, deutsch oder österreichisch oder sonst was zu sein. Du hast nicht entschieden, in welche Schicht du hineingeboren wirst, welche Hautfarbe du trägst, welche Sprache deine erste ist, welche Religion dich umgibt. Das alles ist dir passiert.
In diesem Sinn sind wir alle Aliens in dem Leben, das wir leben. Fremde in einer Welt, die vor uns da war und nach uns weiter sein wird. Wir halten uns hier auf, ohne dass uns jemand offiziell eingeladen hätte.
Die Dokumente, die wir uns selbst ausstellen
Aber dann fangen wir an, uns zu dokumentieren. Selbst.
Name. Nationalität. Beruf. Familienstand. Religiöse Zugehörigkeit. Politische Überzeugung. Sexuelle Identität. Kulturelle Herkunft.
Wir bauen uns ein Dokument zusammen, das uns sagt, wer wir sind. Ein Identitätsdokument, nicht ausgestellt von einem Amt, sondern von uns selbst, über die Jahre, aus Erfahrungen und Entscheidungen und Zufällen.
Und dieses Dokument verändert sich ständig.
Ich bin heute nicht derselbe wie mit zwanzig. Die Version von mir, die mit dreißig durch die Welt gelaufen ist, würde die aktuelle Version vielleicht kaum erkennen. Neue Prioritäten, neue Überzeugungen, neue Wunden, neue Heilungen, neue Fragen.
Wenn Identität sich so radikal verändern kann, was dokumentiert sie dann eigentlich? Was ist die Substanz, die gleichbleibt? Ist da überhaupt eine?
Der Buddhismus sagt: nein. Es gibt kein festes Selbst. Alles ist im Fluss. Was wir für unser Ich halten, ist eine Ansammlung von vergänglichen Momenten, eine Erzählung, die wir über uns selbst erzählen.
Und wenn das stimmt, dann ist diese Erzählung genauso undokumentiert wie alles andere. Wir behaupten einfach, wir zu sein. Ohne Beweis. Ohne wirklich nachweisbare Kontinuität.
Der Blick von außen
Es gibt einen Moment, den viele kennen. Diesen Moment, wenn man sich selbst von außen sieht. Wenn man für eine Sekunde aus seinem eigenen Körper tritt und denkt: Wer ist das da eigentlich?
Das passiert manchmal beim Autofahren, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wie man die letzten zehn Kilometer gefahren ist. Das passiert in Gesprächen, wo man hört, was man sagt, und denkt: Glaub ich das eigentlich? Das passiert mitten in der Nacht, wenn man aufwacht und einen Moment lang nicht weiß, wer man ist.
Psychiater nennen das Depersonalisation, wenn es pathologisch wird. Philosophen nennen es Selbstreflexion. Mystiker nennen es Erleuchtung.
Ich nenne es: Alien-Moment.
Den Moment, in dem das Vertraute fremd wird. In dem man merkt, dass man in diesem Körper, in diesem Leben, in dieser Gesellschaft lebt – und sich nicht ganz sicher ist, ob man dazugehört.
Migration als Extremform des universellen Erlebens
Jetzt kommen wir zu dem Teil, der politisch ist. Ich hab es nicht versprochen, aber ich kann nicht anders.
Menschen, die ihr Land verlassen – aus Not, aus Angst, aus Hoffnung, aus was auch immer – erleben das Alien-Sein auf die schärfste, brutalste Art.
Sie kommen in einen Raum, wo ihre Dokumente falsch sind, ihre Sprache falsch ist, ihre Namen falsch ausgesprochen werden, ihre Kleidung falsch ist, ihre Bräuche fremd sind. Wo alles, was sie sind, zunächst mal als Problem definiert wird.
Und trotzdem sind sie dieselben Menschen. Mit denselben Träumen, denselben Wunden, denselben Witzen, denselben Eigenheiten. Sie sind nicht weniger Mensch als die, die mit dem richtigen Pass geboren wurden.
Was uns unterscheidet, ist ein Dokument. Ein Stück Papier. Ein Datensatz in einem Computersystem.
Diejenigen, die ohne dieses Dokument auskommen müssen, machen sichtbar, was wir alle verdrängen: dass unsere Zugehörigkeit immer ein soziales Konstrukt war. Ein Abkommen. Eine Vereinbarung, die irgendwann irgendwer getroffen hat, ohne uns zu fragen.
Die Grenzen, die entscheiden, wer dazugehört und wer nicht, sind Linien auf Karten. Von Menschen gezogen. Oft von Menschen, die längst tot sind. Oft in Momenten der Gewalt oder des politischen Kalküls.
Und wir behandeln diese Linien, als wären sie natürlich. Als hätte die Natur entschieden, dass hier Deutschland aufhört und Polen anfängt. Als hätte irgendjemand das Recht gehabt, diese Linie zu ziehen und zu sagen: Die Leute hier dürfen, die Leute dort nicht.
Was Kunst damit zu tun hat
Ich bin Künstler. Also komm ich irgendwann immer bei der Kunst an.
Kunst ist für mich das Medium, in dem das Alien-Sein verhandelbar wird. In dem man die Fremdheit aushalten kann. In dem man nicht erklären muss, warum man hier ist.
Wenn ich ein Bild mache, entsteht ein Raum, der keinem gehört. Der keine Grenzen hat. Der keine Dokumente verlangt. Jeder, der das Bild sieht, ist eingeladen. Nicht weil er die richtigen Papiere hat, sondern weil er schaut.
Und in diesem Schauen passiert manchmal etwas. Der Betrachter erkennt sich in etwas, das er nicht erwartet hat. In einer Figur, die anders aussieht als er. In einer Situation, die nicht seine ist. In einer Emotion, die er nicht benennen konnte.
Das ist das Paradox der Kunst: Das Fremdeste kann das Vertrauteste sein.
Die Figur auf meinem Bild, die halb Mensch und halb etwas anderes ist – die ist vielleicht näher an der Wahrheit, als ein perfektes Porträt es je sein könnte. Weil wir alle halb das eine und halb etwas anderes sind. Weil wir alle in uns diese Fremdheit tragen.
Das Fremde in uns selbst
Carl Gustav Jung sprach vom Schatten. Dem Teil von uns, den wir nicht sehen wollen. Den wir verstecken, verdrängen, leugnen. Der aber trotzdem da ist.
Dieser Schatten ist auch ein Alien. Er lebt in uns, ohne Erlaubnis, ohne Dokumente. Er spricht manchmal in den unpassendsten Momenten. Er sabotiert Pläne, zerstört Beziehungen, bricht in Träumen aus.
Und die Menschen, die am lautesten gegen das Fremde von außen wüten – die sind es oft, die am meisten Angst vor dem Fremden in sich selbst haben. Das ist nicht meine Theorie, das ist gut dokumentierte Psychologie. Was wir im anderen ablehnen, ist oft das, was wir in uns nicht akzeptieren können.
Wenn jemand sagt: Diese Fremden gehören hier nicht hin – was sagt er dann auch über seine eigene innere Fremdheit?
Was sagt er über die Teile von sich, die er nicht dokumentiert hat, nicht benennen kann, nicht versteht?
Das Universum und wir
Lass mich jetzt noch größer werden. Richtig groß.
Im kosmischen Sinn sind wir alle Aliens. Buchstäblich.
Die Atome, aus denen unser Körper besteht, wurden in Sternen geschmiedet. In Supernovae, die explodiert sind, bevor unsere Sonne überhaupt existierte. Das Eisen in unserem Blut war mal Teil eines Sterns. Das Sauerstoffatom, das wir gerade einatmen, hat vielleicht schon in den Lungen von Caesar gezittert, von Kleopatra, von einem dinosaurischen Farn.
Wir sind Sternenstaub. Das ist keine Metapher, das ist Physik.
Dieses Universum ist 13,8 Milliarden Jahre alt. Die Erde ist 4,5 Milliarden Jahre alt. Der Mensch als Art ist vielleicht 300.000 Jahre alt. Du persönlich bist vielleicht 40, vielleicht 60, vielleicht 80 Jahre alt.
In diesem Kontext: Wir sind alle Besucher. Alle Durchreisende. Alle undokumentierte Aliens auf einem Planeten, der uns genauso wenig eingeladen hat wie irgendein Grenzbeamter.
Wir sind hier. Für eine kurze Zeit. Ohne Erlaubnis des Universums. Ohne Garantie, dass wir bleiben dürfen.
Und dann sind wir wieder weg, und die Atome machen weiter.
Die Frage der Zugehörigkeit
Was bedeutet Zugehörigkeit dann eigentlich?
Wenn Grenzen gemacht sind. Wenn Dokumente willkürlich sind. Wenn Identität fließt. Wenn wir alle kosmische Aliens sind.
Ich glaube, Zugehörigkeit ist eine Entscheidung. Keine Gegebenheit.
Man gehört nicht dazu, weil man die richtigen Papiere hat. Man gehört dazu, weil man sich entschieden hat, da zu sein. Weil man Verantwortung übernimmt. Weil man liebt, beiträgt, kämpft, leidet, feiert, trauert.
Zugehörigkeit ist Handlung, nicht Status.
Und in diesem Sinn kann ein Mensch ohne Papiere mehr dazugehören als einer mit den richtigen Dokumenten in der Tasche, aber ohne jedes Gefühl von Verantwortung für den Raum, in dem er lebt.
Ich kenne Menschen, die hier leben seit Jahrzehnten. Kinder großgezogen, Steuern gezahlt, Nachbarn geholfen, Freundschaften gepflegt. Ohne die richtigen Dokumente. Und ich kenne Menschen, die alle Papiere haben und sich für nichts und niemanden verantwortlich fühlen außer für sich selbst.
Wer gehört mehr dazu?
Was ich nicht weiß
Ich will hier ehrlich sein: Ich hab keine Antworten. Ich hab Fragen.
Ich weiß nicht, wie eine Gesellschaft funktionieren soll ohne Grenzen und Regeln. Ich verstehe, dass Systeme Ordnung brauchen. Ich weiß, dass offene Fragen keine offenen Grenzen bedeuten müssen.
Aber ich glaube, dass die Art, wie wir über Zugehörigkeit reden, falsch ist. Zu absolut. Zu dokumentenbasiert. Zu wenig menschlich.
Und ich glaube, dass die Frage – Sind wir nicht alle irgendwie undokumentierte Aliens? – keine Schwäche ist, sondern eine Einladung. Eine Einladung, die eigene Fremdheit anzuerkennen. Die Gemeinsamkeit mit denen zu sehen, die man als fremd definiert hat.
Zurück zum Bild
Ich gehe zurück zu dem Bild, bei dem das alles angefangen hat.
Die Figur darin schaut mich an. Halb vertraut, halb fremd. Und ich denke: Das bin ich. Das ist jeder. Wir alle tragen diese Hälfte, die nicht so ganz passt. Die nicht dokumentiert ist. Die keine Erlaubnis hat, hier zu sein.
Und trotzdem sind wir hier.
Atmen. Denken. Fühlen. Schaffen.
Ohne Dokument. Ohne Erlaubnis. Einfach so.
Vielleicht ist das genug.
Vielleicht ist das alles, was wir je hatten.
Und vielleicht ist es an der Zeit, damit aufzuhören, voneinander Dokumente zu verlangen – und stattdessen zu fragen: Was bringt du mit? Was kannst du geben? Was trägst du bei, zu diesem kurzen, seltsamen, wunderbaren Aufenthalt, den wir alle gemeinsam haben?
Auf diesem kleinen Planeten. In diesem riesigen Universum. Ohne Erlaubnis. Ohne Rückfahrschein.
Undokumentiert. Und trotzdem da.
Wie dieser Text entstanden ist
Meine Blogartikel entstehen aus Sprachmemos – dieser hier aus einem langen Abend vor einem Bild, das mich nicht losgelassen hat, und Gedanken, die sich nicht abschalten ließen. Wird transkribiert und mit KI in Form gebracht. Die Fragen sind meine eigenen. Die Antworten – falls es welche gibt – auch.
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