
Ich scroll in letzter Zeit viel durch Portfolios, guck mir neue Markenauftritte an, blättere durch Magazine wenn ich welche in die Finger kriege. Und irgendwas hat sich verändert. Nichts Dramatisches, eher so ein Gefühl. Weniger geleckt. Weniger dieses „wir haben alles richtig gemacht“-Ding.
Keine Ahnung, ob das ein Trend ist oder ob ich das nur so wahrnehme. Aber ich mach das jetzt lange genug, um zu merken, wenn sich was verschiebt. Und gerade verschiebt sich was.
Also schreib ich mal auf, was mir auffällt. Nicht als Trendreport oder so – eher als Gedankensammlung von jemandem, der jeden Tag in diesem Zeug steckt.
Ich konnte das Saubere nicht mehr sehen
Muss mal kurz ausholen. Die letzten Jahre haben mich müde gemacht. Wirklich müde.
Alles sah irgendwie gleich aus. Perfekte Abstände, perfekte Farben, perfekte Schriften. Technisch super, keine Frage. Aber wenn ich ehrlich bin: langweilig. So langweilig, dass ich manchmal gar nicht mehr genau hingeguckt hab.
Ich hab Projekte angefangen und erstmal Referenzen gesucht, und nach dem zwanzigsten Moodboard dachte ich nur noch: Das kenn ich doch alles schon. Dieselben Layouts. Dieselben Farbpaletten. Dieselben verdammten Schriften.
Irgendwann hab ich mich gefragt, ob das Problem bei mir liegt. Vielleicht bin ich einfach zu lange dabei. Vielleicht seh ich Gespenster. Aber dann hab ich mit anderen geredet – Kollegen, Freunde, Leute die auch seit zwanzig Jahren Pixel schubsen – und die meinten dasselbe. Diese Erschöpfung, wenn alles funktioniert und trotzdem nichts berührt.
Weißt du, was mich am meisten genervt hat? Diese Portfolios, wo alles so perfekt aussieht, dass du weißt: Das hat eine Stunde gedauert. Template rein, Farben anpassen, fertig. Handwerk? Null. Nachdenken? Optional.
Und das Schlimmste: Die Kunden haben das auch gemerkt. Nicht bewusst, aber so unterschwellig. „Irgendwie sieht das aus wie alles andere“ – den Satz hab ich so oft gehört, dass ich ihn im Schlaf aufsagen kann.
Dann kam die KI und alles wurde noch schlimmer. Oder besser?
Ich weiß, das klingt widersprüchlich. Aber hör mir zu.
Als die ganzen KI-Tools aufgetaucht sind, dachte ich erstmal: Okay, jetzt wird es noch austauschbarer. Jetzt kann jeder in drei Minuten was generieren, das halbwegs professionell aussieht. Und ja, das ist auch passiert.
Aber dann ist was Interessantes passiert. Die Leute haben angefangen, das Generierte zu erkennen. Nicht bewusst, aber so vom Gefühl her. „Das sieht irgendwie nach KI aus“ – den Satz hör ich jetzt ständig. Und meistens stimmt er.
Und plötzlich wurde das Handgemachte wieder wertvoll. Das Unperfekte. Das, wo man merkt, dass da jemand gesessen und Entscheidungen getroffen hat.
Das ist gerade die verrückte Situation: Je mehr generiert werden kann, desto mehr wollen die Leute was Echtes sehen. Wer hätte das gedacht.
Jetzt sieht man wieder Hände
Was mir auffällt bei neueren Arbeiten: Man sieht wieder, dass da jemand gesessen hat. Entscheidungen getroffen hat. Vielleicht auch mal was falsch gemacht hat und es trotzdem dringelassen hat.
Linien, die nicht ganz gerade sind. Schriften, die ein bisschen knarzig aussehen. Farben, die nicht aus irgendeinem Harmonie-Tool kommen, sondern die jemand ausgesucht hat, weil sie sich richtig angefühlt haben.
Erst dachte ich: Sieht das nicht unfertig aus? Aber nee. Es sieht menschlich aus. Und das ist anscheinend genau das, was gerade fehlt.
Ich hab letzte Woche ein Plakat gesehen, da war die Headline so gesetzt, dass sie fast aus dem Format rausfällt. Früher hätte ich gesagt: Fehler. Anfänger. Jetzt denk ich: Endlich mal jemand, der sich was traut.
Das Lustige ist: Ich mach das jetzt auch wieder. Sachen ein bisschen schief lassen. Nicht alles ausrichten. Mal eine Farbe nehmen, die eigentlich nicht passt, aber irgendwas an mir sagt: Doch, genau die.
Meine Kunden haben das am Anfang nicht verstanden. „Ist das Absicht?“ Ja, ist es. Und weißt du was? Die Ergebnisse kommen besser an als der ganze perfekte Kram von vorher.
Papier fühlt sich wieder nach Papier an
Auch das fällt mir auf: Material wird wieder wichtig.
Nicht nur im Druck – auch digital. Oberflächen haben wieder Struktur. Körnung ist sichtbar. Sachen sehen aus, als könnte man sie anfassen.
Ich glaub, die Augen sind hungrig danach. Nach irgendwas, das nicht so beliebig wirkt. Nicht so: Klick, wisch, weg, vergessen.
Ein Kunde hat mich neulich gefragt, ob ich ein Bild „kaputter“ machen kann. Der meinte das ernst. Nicht ironisch, nicht als Witz. Und ich hab genau verstanden, was er wollte. Dieses Zu-Glatte nervt die Leute.
Letztens hab ich ein Projekt gemacht, da hab ich echtes Papier eingescannt. Mit Knicken und Flecken und allem. Das wurde dann der Hintergrund. Früher hätte ich das wegretuschiert. Jetzt ist es das Feature.
Und im Digitalen passiert dasselbe. Websites mit Textur. Apps, die nicht mehr so steril aussehen. Selbst große Marken trauen sich wieder ein bisschen Dreck.
Das ist kein Retro-Ding. Das ist was anderes. Das ist: Wir haben genug von Plastik.
Schrift darf wieder Charakter haben
Lange Zeit war Typografie vor allem eins: unsichtbar.
Je weniger man die Schrift bemerkt hat, desto besser. Lesbar, neutral, fertig. Bloß nicht auffallen. Bloß keine Meinung haben.
Das ändert sich gerade. Ich seh wieder Schriften, die eine Meinung haben. Die nicht perfekt sind. Die manchmal ein bisschen seltsam aussehen. Die man sich merkt.
Und weißt du was? Genau deshalb bleiben sie hängen.
Letztens hab ich eine Einladung gesehen mit einer Schrift, die aussah wie hingekritzelt. Nicht ironisch, nicht Retro, nicht dieses „wir tun so als wäre es handgemacht“ – einfach so, als hätte jemand das wirklich mit der Hand gemacht. Hat mich mehr angesprochen als die letzten zwanzig Clean-Design-Poster zusammen.
Ich experimentier selbst wieder mehr mit Typografie. Nehm Schriften, die ich früher als „zu weird“ abgetan hätte. Misch Sachen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Manchmal geht das schief. Aber manchmal entsteht was, das ich mit den sicheren Optionen nie hinbekommen hätte.
Ein Kollege hat letztens zu mir gesagt: „Du nimmst ja plötzlich richtig hässliche Schriften.“ War als Kompliment gemeint. Und so hab ich es auch verstanden.
Farben, die nicht gefallen wollen
Auch beim Thema Farbe tut sich was.
Weg von diesen abgestimmten Paletten, wo alles miteinander harmoniert und niemand Bauchschmerzen kriegt. Hin zu Kombinationen, die erstmal irritieren.
Dunkel mit grell. Gedämpft mit knallig. Sachen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Farben, bei denen man erstmal schluckt.
Ich find das gut. Farbe soll ja was auslösen. Nicht nur „passt schon“ sondern „hm, interessant“. Oder sogar „was ist das denn?“ – und dann guckt man nochmal hin.
Klar, man kann das auch verkacken. Aber lieber das als nochmal eine Palette in Millennial Pink oder diesem ganzen Pastell-Gedöns, das die letzten Jahre alles dominiert hat.
Ich hab neulich ein Branding gemacht mit Olivgrün und so einem aggressiven Orange. Der Kunde war erstmal skeptisch. „Ist das nicht zu… viel?“ Nee. Ist genau richtig. Weil man es sich merkt.
Das Risiko ist Teil der Sache. Wenn alles sicher ist, ist auch alles egal.
Collagen kommen zurück
Was ich auch ständig sehe: Sachen werden übereinandergelegt. Foto trifft Zeichnung. Text liegt auf Textur. Digital neben analog. Alt neben neu.
Das ist nicht neu, Collagen gab es schon immer. Aber die Art wie es gemacht wird, fühlt sich anders an. Nicht so verspielt wie früher. Nicht so ironisch. Eher nachdenklich. Eher so: Das gehört zusammen, auch wenn es nicht offensichtlich ist.
Als würde jemand sagen: Die Welt ist auch nicht aus einem Guss, warum sollte das Design so tun als ob?
Ich experimentier selbst gerade mehr damit. Und es macht Spaß. Endlich mal nicht alles aufräumen müssen. Endlich mal Sachen nebeneinander stellen, die eigentlich nicht zusammengehören, und gucken was passiert.
Manchmal passiert nichts. Manchmal Chaos. Aber manchmal entsteht was, das ich nicht geplant hatte. Und das sind meistens die besten Momente.
3D ohne Angeberei
3D ist immer noch da, aber es hat sich beruhigt.
Früher ging es darum, zu zeigen was man kann. Effekte, Glanz, Spektakel. Guck mal, wie realistisch. Guck mal, wie aufwendig. Es war oft mehr Tech-Demo als Gestaltung.
Jetzt ist es eher so ein stilles Werkzeug. Licht, Schatten, Tiefe – aber im Dienst der Sache, nicht als Selbstzweck. Man merkt nicht mehr so sehr: Oh, das ist 3D. Sondern es fügt sich ein.
Finde ich angenehmer. 3D muss nicht schreien um zu wirken. Die besten 3D-Arbeiten, die ich gerade sehe, erkennst du gar nicht sofort als 3D. Sie fühlen sich einfach richtig an.
Marken erzählen wieder was
Der größte Unterschied, den ich merke, ist aber ein anderer: Gestaltung will wieder irgendwas sagen.
Nicht im Sinn von Werbebotschaft. Nicht dieses „Wir stehen für Qualität und Innovation“ – das steht überall und bedeutet nichts. Eher so: Warum gibt es uns? Was ist unsere Geschichte? Wer sind die Menschen dahinter?
Ich merk sofort, ob ein Design aus einer echten Idee kommt oder ob da jemand einfach ein Template ausgefüllt hat. Und ich bin nicht der Einzige. Leute sind sensibler geworden dafür. Vielleicht weil wir so viel oberflächliches Zeug sehen. Da fällt echte Handschrift auf.
Ich hab letztes Jahr ein Projekt gemacht für eine kleine Rösterei. Die wollten erstmal was „Professionelles“. Sauber, modern, wie die Großen. Ich hab sie überredet, stattdessen ihre eigene Geschichte zu erzählen. Der Gründer hat früher Musik gemacht, dann irgendwann angefangen Kaffee zu rösten. Diese Mischung aus Chaos und Leidenschaft – das wurde das Design. Nicht sauber. Nicht wie die Großen. Aber echt.
Die Reaktionen waren verrückt. Leute haben gesagt: Das fühlt sich anders an. Nicht besser oder schlechter – anders. Und genau das war der Punkt.
Kunden ändern sich auch
Was ich auch merke: Die Gespräche mit Kunden sind anders geworden.
Früher kamen die oft mit sehr konkreten Vorstellungen. „Wir wollen das wie Apple“ oder „Mach das wie bei Nike“. Benchmarks. Referenzen. Nachmachen, was funktioniert.
Jetzt höre ich öfter: „Wir wollen was Eigenes.“ Oder: „Das soll sich nicht anfühlen wie alles andere.“
Klar, manche wissen dann nicht genau, was sie meinen. Aber allein, dass sie das Bedürfnis haben – das ist neu. Die haben auch gemerkt, dass austauschbar sein keine Strategie ist.
Und das gibt mir als Gestalter mehr Raum. Mehr Möglichkeit, wirklich was zu machen, statt nur abzuliefern.
Die jungen Leute machen interessante Sachen
Was mir auch auffällt: Die Generation, die jetzt aus den Designschulen kommt, tickt anders.
Die haben das ganze Polierte von Anfang an gesehen und sind davon gelangweilt. Für die ist das nicht der Goldstandard, sondern der Normalzustand. Also suchen sie nach was anderem.
Ich seh bei denen viel Mut. Viel Experimentieren. Viel „ich mach das jetzt einfach so, weil ich es so will“. Klar, manchmal geht das schief. Manchmal ist es mehr Attitude als Können. Aber die Energie ist da.
Und ehrlich gesagt: Die inspirieren mich. Ich hab von ein paar Zwanzigjährigen mehr gelernt in letzter Zeit als von den ganzen Branchen-Gurus.
Warum jetzt?
Ich glaub, das alles hängt zusammen mit dem ganzen KI-Ding. Nicht gegen KI, aber als Reaktion darauf.
Wenn alles in Sekunden generiert werden kann, wird das, was nicht generiert aussieht, plötzlich wertvoll. Das Unperfekte. Das Eigenartige. Das, wo man merkt, dass da jemand drüber nachgedacht hat. Dass da Zeit drinsteckt. Dass da Zweifel waren und Entscheidungen.
Das ist keine Revolution. Eher ein leises Umdenken. Aber ich merk es überall. In den Portfolios, die ich sehe. In den Briefings, die ich bekomme. In den Gesprächen, die ich führe.
Irgendwas verschiebt sich. Und ich find es gut.
Die Gefahr dabei
Aber ich will hier nicht so tun, als wäre jetzt alles super.
Es gibt auch die Gefahr, dass das Unperfekte zum neuen Trend wird. Dass alle anfangen, absichtlich „authentisch“ zu sein, und dann ist es wieder genauso austauschbar wie vorher. Nur halt in einer anderen Ästhetik.
Ich seh das schon manchmal. Dieses gewollte Rohe. Dieses „guck mal, wie echt wir sind“. Wenn das kalkuliert ist, merkt man das auch.
Der Unterschied ist: Echt unperfekt kommt aus dem Prozess. Aus Entscheidungen, die man trifft, weil sie sich richtig anfühlen. Fake unperfekt kommt aus dem Wunsch, unperfekt auszusehen.
Das eine hat Substanz. Das andere ist wieder nur Oberfläche.
Was ich für mich rausziehe
Ich hab angefangen, meine eigenen Vorlieben wieder ernst zu nehmen. Nicht mehr alles glätten. Nicht mehr jeden Zufall rauspolieren. Nicht mehr fragen: Würde das bei einem Award gewinnen?
Manchmal lass ich jetzt Sachen drin, die ich früher korrigiert hätte. Kanten, die nicht perfekt sind. Farben, die ein bisschen daneben liegen. Layouts, die nicht ganz aufgehen.
Und oft – nicht immer, aber oft – sind genau die der Grund, warum das Ding am Ende funktioniert. Warum es hängenbleibt. Warum jemand sagt: Das gefällt mir, und ich weiß nicht mal genau warum.
Das ist der Moment. Wenn jemand nicht sagen kann, warum es funktioniert – dann ist es wahrscheinlich gut.
Ich weiß nicht, wie lange das bleibt
Trends kommen und gehen. Vielleicht ist in zwei Jahren wieder alles clean und perfekt. Vielleicht kommt was ganz anderes. Keine Ahnung.
Aber gerade fühlt es sich richtig an. Gestaltung, die wieder nach Gestaltung aussieht. Nach Entscheidungen. Nach Zweifeln. Nach jemandem, der das gemacht hat und nicht nach einer Maschine, die es ausgespuckt hat.
Das hab ich vermisst. Mehr als ich dachte.
Eine Sache noch
Was ich allen sagen würde, die gerade gestalten: Trau dich.
Trau dich, Sachen zu machen, die nicht sofort funktionieren. Trau dich, deinen eigenen Geschmack ernst zu nehmen. Trau dich, nein zu sagen, wenn jemand will, dass es aussieht wie alles andere.
Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es nicht gefällt. Das Beste, was passieren kann, ist, dass du was machst, das nur von dir kommen konnte.
Und gerade ist die Zeit dafür. Weil die Leute merken, dass sie genug haben von austauschbar.
Nutz das.
Wie dieser Text entstanden ist
Dieser Text ist aus meinen Sprachmemos entstanden, roh und ungefiltert. Die Aufnahmen wurden transkribiert und anschließend mit KI in eine lesbare Form gebracht.
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