„Dauert nur fünf Minuten“ – Eine Liebeserklärung an die kreative Zeitrechnung


Freitag, 11:47 Uhr.

Die Sonne scheint. Draußen sitzen Menschen in Cafés. Menschen mit funktionierenden Lebenskonzepten. Menschen, die das Wort „Freisteller“ nicht kennen.

Mein Plan war simpel: Um 13 Uhr rausgehen. Vielleicht sogar – ich wage es kaum auszusprechen – das Wochenende beginnen.

Dann die E-Mail.


12:03 Uhr: „Kannst du mal eben schnell…“

Ah, die fünf schönsten Worte der deutschen Agentursprache. Gleich nach „Das Budget wurde genehmigt“ und „Der Kunde ist im Urlaub“.

„Kannst du mal eben schnell den Freisteller vom Produkt machen? Ist nur ein einfaches Foto.“

Ich öffne die Datei.

Es ist ein Kristallglas. Vor einem karierten Tischtuch. Mit Wasserspritzern. Und Gegenlicht.

Einfach.

Natürlich. So einfach wie Kernfusion. So simpel wie die Steuererklärung eines Freelancers.


12:34 Uhr: „Ach, und wenn du schon dabei bist…“

Der gefährlichste Satz nach „Halte mal mein Bier“.

„…könntest du die Farbe etwas anpassen? Der Kunde meint, das Blau ist nicht blau genug. Aber auch nicht zu blau. Du weißt schon. Blau halt. Aber frischer.“

Ich nicke wissend. Natürlich weiß ich. Ich spreche fließend Kundenblau. Das ist dieses Blau, das gleichzeitig wärmer und kälter sein soll, mehr Pop haben, aber auch dezenter, und bitte genau wie im Mood-Board – dem Mood-Board, das aus drei Pinterest-Bildern besteht, von denen eins schwarz-weiß ist.


13:15 Uhr: Die Mittagspause, die keine war

Ich esse einen Müsliriegel am Schreibtisch. Er schmeckt nach Kompromissen und Abdecklpfaden.

Das Telefon klingelt. Natürlich klingelt es. Telefone können riechen, wenn man gerade Hoffnung entwickelt.

„Super, dass ich dich noch erwische! Der Kunde hat nochmal drüber geschaut. Ist alles super. Wirklich. Nur…“

Nur.

Das Wort sollte verboten werden. Das Wort hat mehr Träume zerstört als der Realismus.

„…nur das Logo müsste etwas größer. Und etwas kleiner. Also: größer, aber kompakter, du verstehst? Mehr Präsenz, weniger Raum einnehmen.“

Ich verstehe. Wie ich immer verstehe. Ich bin ein Gefäß für widersprüchliche Anweisungen, geformt durch jahrelange Übung und stille Resignation.


14:47 Uhr: Der Plot Twist

„Ach übrigens – der Termin für den Newsletter hat sich geändert. Ist jetzt heute. Könntest du noch die Banner…?“

Könnten wir kurz über „heute“ sprechen? Heute war der Tag, an dem ich um 13 Uhr gehen wollte. Heute ist der Tag, der jetzt wie eine Fata Morgana am Horizont flimmert.

Acht Banner. Fünfzehn Formate. Eine „ganz neue Richtung“, die aber bitte zum bestehenden Corporate Design passt, das ich ebenfalls ignorieren soll.


15:32 Uhr: Die Photoshop-Philosophie

Während ich zum siebzehnten Mal speichere, entwickle ich eine Theorie:

Jede „kleine Änderung“ gebiert drei weitere. Das ist keine Arbeit, das ist Zellteilung. Das ist Mitose, nur mit Markenfarben.

Ein Freisteller braucht keine fünf Minuten. Ein Freisteller braucht so lange, wie er braucht – und dann nochmal doppelt, weil jemand fragt: „Kannst du den Schatten weglassen? Ach ne, doch lieber mit Schatten. Aber ein anderer Schatten.“


16:58 Uhr: Die Hoffnung stirbt zuletzt (aber sie stirbt)

„Das sieht super aus! Der Kunde ist begeistert. Also, fast begeistert. Er meldet sich Montag mit finalen Korrekturen. Schönes Wochenende!“

Finale Korrekturen.

Wie „finale“ Staffeln, die drei Fortsetzungen bekommen.


18:23 Uhr: Erkenntnis

Ich packe meine Tasche. Draußen ist es dunkel geworden. Die Café-Menschen sind längst weg. Vermutlich machen sie jetzt Dinge, die nichts mit Ebenenmasken zu tun haben.

Aber weißt du was? Morgen ist Samstag. Ein Tag ohne E-Mails. Ein Tag ohne „mal eben schnell“. Ein Tag ohne—

Ping.

„Hey, tut mir leid, dass ich so spät schreibe! Aber Montag ist ja noch sooo weit weg, und ich hatte da noch eine Idee…“


Schönes Wochenende.

Wir sehen uns nächste Woche, wenn ich erkläre, warum „RGB nach CMYK konvertieren“ nicht dasselbe ist wie „einfach auf Drucken klicken“.


Der Autor dieses Blogs hat keine Überstunden gemacht. Er hat lediglich sein Hobby in der Agentur fortgesetzt. Zufällig von 9 bis 19 Uhr. Fragen zu Kristallglas-Freistellern bitte an die Konkurrenz.